Nachrichten > Nordhessen, Top-Meldungen >

5 Menschen getötet: Prozess gegen falsche Ärztin

Prozess gegen falsche Ärztin - Frau soll fünf Menschen getötet haben

Fünf Menschen sollen im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar wegen Behandlungsfehlern einer falschen Ärztin ums Leben gekommen sein. Jetzt wird einer 50-Jährigen der Prozess gemacht.

Sie soll für den Tod von fünf Menschen verantwortlich sein. Am Mittwoch hat am Landgericht in Kassel der Prozess gegen eine falsche Ärztin aus Fritzlar begonnen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr zudem versuchten Mord in elf Fällen vor.

Gravierende Behandlungsfehler

Die 50-Jährige hat zwischen 2015 und 2018 im Hospital zum Heiligen Geist in Fritzlar gearbeitet, auch als Narkoseärztin. Dabei soll es zu teils gravierenden Behandlungsfehlern gekommen sein.

Staatsanwalt geht von selbstsüchtigen Motiven aus

Medikamente sollen falsch dosiert, Komplikationen übersehen worden sein. "Sie soll die Taten aus niedrigen Beweggründen begangen haben", sagt Staatsanwalt Stephan Schwitzer im FFH-Gespräch. Es handle sich wohl um selbstsüchtige Motive.

Verteidiger: Kein Tötungsvorsatz

Am ersten Prozesstag hat die Verteidigung der Angeklagten einige Vorwürfe eingeräumt. Die Beweisaufnahme werde ergeben, dass das Berufsleben der 50-Jährigen in Teilen auf Hochstapelei zurückzuführen sei, sagte ihr Anwalt. Ein Tötungsvorsatz liege aber nicht vor: "Diesen Vorwurf wird die Beweisaufnahme nicht bestätigen." 

Mit falscher Zulassung Ärztekammer getäuscht

Ihre Zulassung hat die 50-Jährige laut Anklage gefälscht. Sie hatte damit auch die Landesärztekammer in Hessen getäuscht. "Mit Hilfe digitaler Anwendungen können Zeugnisse immer häufiger so gut gefälscht werden, dass sie - wie bei der falschen Ärztin in Fritzlar - von Originalen nicht oder so gut wie nicht unterscheidbar sind", sagte im November 2019 eine Sprecherin der Kammer auf FFH-Anfrage.

Ermittlungen gegen ehemaligen Chef laufen noch

Gegen einen ehemaligen Chef der Ärztin wird noch ermittelt. Er hat sie wohl weiter beschäftigt, obwohl er womöglich wusste, dass die Frau nicht ausreichend qualifiziert war.

Staatsanwalt Stephan Schwirzer zu den Vorwürfen

Staatsanwalt Stephan Schwirzer zum Motiv der falschen Ärztin

Staatsanwalt Stephan Schwirzer zu Ermittlungen gegen einen ehemaligen Chef der falschen Ärztin

Die Angeklagte hatte sich laut Staatsanwaltschaft auch nach ihrer Zeit in Fritzlar noch weiter als Ärztin ausgegeben. Unter anderem soll sie durch Betrug ein teures Auto finanziert und Ende 2018 für vier Monate in einer Klinik in Schleswig-Holstein als Reha-Ärztin gearbeitet haben. Die Öffentlichkeit scheute sie nicht. So sei die Frau auch in Nordhessen als freie Dozentin in einer Schule für Gesundheitsberufe aufgetreten und habe die akademischen Titel "Dr. med." und "Dr. Dr." geführt.

Ermittlungen selbst ins Rollen gebracht

Die Verdächtige hatte die Ermittlungen gegen sich selbst in Rollen gebracht. Sie hatte Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt, allerdings ging parallel auch eine Anzeige der Landesärztekammer Hessen ein. Denn die mutmaßliche Betrügerin war bei einem Mitgliedschaftswechsel der Ärztekammer von Hessen nach Schleswig-Holstein aufgeflogen, als ein Mitarbeiter Unstimmigkeiten in der Approbationsurkunde entdeckte.

Klinik in Fritzlar spricht von "traurigem Kapitel"

Das Fritzlarer Hospital zum Heiligen Geist sieht dem Prozess hoffnungsvoll entgegen: "Es ist gut, dass dieses traurige Kapitel, bei dem Menschen zu Tode gekommen sein sollen und dass der Klinik schweren Schaden zugefügt hat, jetzt aufgearbeitet und abschlossen wird", erklärte die Klinikleitung. Die Angeklagte habe "mit hoher krimineller Energie" Patienten geschädigt und auch der Reputation des Klinikums Schaden zugefügt. Die Ereignisse seien dazu geeignet, "generell das Vertrauensverhältnis zwischen Ärzten und Patienten zu erschüttern". Hinzu komme ein finanzieller Schaden durch zu Unrecht erhaltenes Gehalt und die Finanzierung von Weiterbildungsmaßnahmen von über 245.000 Euro.

Marcel Ruge

Reporter
Marcel Ruge

nach oben