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Reha-Kurs für Long Covid-Patienten in Erfelden

Reha für Long Covid-Patienten - Das Leben wieder lernen

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Long Covid – wenn eine Corona-Erkrankung zum zermürbenden Dauerzustand wird. Wahrscheinlich mehr als 350.000 Menschen leiden in Deutschland aktuell unter Corona-Folgen, die ihr Leben bestimmen. Und solchen Patienten hilft jetzt ein neuer Sport-Reha-Kurs der SKG Riedstadt-Erfelden (Kreis Groß-Gerau).

Der Kurs richtet sich speziell an Patienten mit Corona-Langzeitfolgen - bezahlt von der Krankenkasse. Kursleiterin Chris Ganster macht mit ihnen erst einmal ganz sanfte Herz-Kreislauf-Übungen für die Fitness, Atem-Training, Übungen fürs Gleichgewicht und die Verbesserung der Motorik.

Kursleiterin Chris Ganster: "Man sieht, wie wichtig das Angebot ist"

Trainerin bei der SKG Erfelden

Halbes Jahr krankgeschrieben

Insgesamt 12 Long Covid-Patienten nehmen das aktuell ausgebuchte Angebot der SKG dankbar an. Ein Kursteilnehmer ist der 62 Jahre alte Roland. Er sagt: Es ginge ihm jetzt langsam besser, nachdem er ein halbes Jahr lang krankgeschrieben war. Vor allem aber habe sich jetzt nach seiner schlimmen Corona-Erfahrung seine Lebenseinstellung radikal geändert: "Dinge, über die ich mich früher total aufgeregt habe, die nehme ich jetzt gelassen hin."

Schwer, die richtigen Worte zu finden

Vier Kursteilnehmer sind bereit, mit FFH-Reporter Marc Wilhelm über ihre Erfahrungen zu sprechen: Roland und drei Frauen. Die Frauen möchten anonym bleiben; sind 71 und 72 Jahre alt. Erkrankt sind alle jeweils im vergangenen Winter, während der dritten Infektions-Welle. Alle bestätigen als eine Covid-Langzeitfolge Konzentrationsstörungen: "Mir fällt es manchmal schwer, das richtige Wort zu finden, den Satz korrekt zu beenden", sagt eine Frau. Eine andere berichtet von Depressionen, von fehlender Motivation, das Haus zu verlassen - überhaupt aus dem Stuhl aufzustehen.

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Austausch tut gut

Ich spüre, wie nahe den drei Frauen und ihrem Kurs-Kollegen Roland es geht, die sehr persönlichen Erlebnisse des Gegenübers zu erfahren. Allen stehen während unseres Gesprächs die Tränen in den Augen. Aber sie sagen auch: Es tut unheimlich gut, sich auszutauschen. Eine Teilnehmerin bestätigt: "Jemand, der die Krankheit nicht mitgemacht hat, der versteht das gar nicht." Die anderen nicken ihr zu.

"Wenn ich ein paar Meter laufe, bin ich fix und fertig""

Teilnehmerin des Kurses "Sport nach Covid-19"

Leben auf der Kippe

Nicht alle Teilnehmer des Kurses seien im Rentenalter, berichtet mir Kursleiterin Chris Ganster. Es gebe auch welche, die seien noch keine 30. Öffentlich sprechen wollen allerdings bei weitem nicht alle über ihr Leben mit den Folgen der Corona-Erkrankung. Roland hat damit kein Problem. Wobei ihm auch beim Berichten über seine zwei schlimmsten Tage und Nächte auf der Intensivstation die Stimme stockt. Er schwebte in Lebensgefahr: "Das war auf der Kippe. Eine schlimme Zeit, über die ich heute noch drüber weg kommen muss."

"Ich versuche, das Leben wieder zu lernen"

Kursteilnehmer Roland (62) war insgesamt fast vier Wochen im Krankenhaus

"Eine klasse Truppe"

Nach mehr als einer Stunde beenden wir das Gespräch. Wir hätten uns noch viel länger unterhalten können. Zumindest untereinander bleibt den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern aber noch Zeit, das Erlebte nicht nur körperlich, sondern auch psychisch weiter aufzuarbeiten: Sie treffen sich für das Reha-Angebot bis weit ins nächste Jahr hinein. Roland sagt zum Abschied lobend in die Runde: "Wir sind wirklich eine klasse Truppe. Jeder gleich mit jedem per Du. Das macht Spaß."

Marc Wilhelm

Reporter
Marc Wilhelm

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