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Kriminalpsychologe zu FFH: "Täter ist eiskalt"

Psychologe zur Bahnhofs-Attacke - „Ein solcher Täter hat keine Empathie“

Die Trauer und Erschütterung nach der tödlichen Attacke ist groß.
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Die Trauer und Erschütterung nach der tödlichen Attacke ist groß.

Die Erschütterung ist groß nach der tödlichen Attacke am Frankfurter Hauptbahnhof, bei der ein achtjähriger Junge ums Leben kam. Ein Mann hatte am Montagvormittag das Kind und seine Mutter scheinbar unvermittelt und wahllos vor einen fahrenden Zug gestoßen. Wir haben mit Kriminalpsychologe Dr. Christian Lüdke aus Essen gesprochen, was in Menschen vorgeht, die solche Taten begehen.

Wie kommen Menschen dazu, solch ein Verbrechen auszuüben?

Lüdke: „Eine solche Tat begeht man nicht über Nacht. Das ist immer Abschluss einer langen gestörten Persönlichkeitsentwicklung. Die Motive für diese Tat liegen in der Person dieses mutmaßlichen Täters begründet. Es kann sich unglaublich viel Wut und Aggression in ihm aufgestaut haben. Er kann diese Tat einfach aus Mordlust begangen haben, um quasi seinem eigenen persönlichen Frust Luft zu machen. Es kann aber auch eine Form von Rache gewesen sein.“

Geht es dabei auch um das Gefühl der Macht über Leben und Tod?

„Es spielen auch Gefühle von Macht-Haben eine Rolle, denn ein solcher Mensch fühlt sich im Inneren oft zutiefst ohnmächtig. Und die Gewaltausübung verwandelt das Gefühl von Ohnmacht in ein kurzzeitiges Erleben von Allmacht. Dadurch dass er die Mutter und das Kind auf die Gleise gestoßen hat, fühlt er sich so als wäre er Herr über Leben und Tod und das kann bei ihm quasi einen Rauschzustand auslösen. Er fühlt sich einfach mächtig, was er sonst in seinem Leben nie gefühlt hat.“

Und das schaltet jegliches Empfinden für die Opfer aus?

„Ein solcher Täter hat keine Empathie, hat keine Gefühle. Er ist quasi sehr eiskalt, berechnend, durchtrieben in dem, was er tut. Er trägt im Grunde Kennzeichen einer dissozialen und antisozialen Persönlichkeit.“

Der Essener Kriminalpsychologe Christian Lüdke im Gespräch mit FFH
© Christian Lüdke

Der Essener Kriminalpsychologe Christian Lüdke im Gespräch mit FFH

Vor etwas mehr als einer Woche gab es eine ähnliche Tat in Voerde in Nordrhein-Westfalen. Könnte es sich in Frankfurt um eine Nachahmungstat handeln?

„Das halte ich für eher unwahrscheinlich. Eine solche Tat begeht man nicht, weil man von einem anderen schrecklichen Ereignis gehört hat. Die Bereitschaft dazu gab es schon vorher in dieser Person. Die persönlichen Motive spielen hier eine ganz wichtige Rolle: Massive Wut, ein unglaublicher Aggressionsstau und vielleicht der Wunsch, sich an Menschen zu rächen und sie verantwortlich zu machen für das eigene persönliche Scheitern im Leben.“

Wer mit dem Zug fährt, wird sicher erstmal mit einem mulmigen Gefühl am Bahnsteig stehen. Gibt es eine Möglichkeit, sich vor so jemandem zu schützen?

„Es gibt so gut wie keine Möglichkeiten, sich vor einem solchen Täter zu schützen. Wenn man jetzt Angst hat am Bahnsteig, ist das erstmal vollkommen normal. Es ist völlig in Ordnung, sich umzudrehen und auf seine eigenen Kinder aufzupassen. Wichtig ist es, einfach aufmerksam zu bleiben und die Menschen im Umfeld und die Umgebung zu beobachten, nicht permanent auf das Handy zu schauen und sich die Ohren mit Kopfhörern zuzustöpseln. Denn ein Mensch, der eine solche Tat begeht, ist sehr eiskalt. Das sind gefühlslose Reaktionsmaschinen, die total abgebrüht sind. Man sieht ihnen das nicht unmittelbar an.“

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