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Obdachlos im Corona-Winter - Sorge in Gießen

Obdachlos im Corona-Winter - So wollen Hessens Städte jetzt helfen

In der Corona-Pandemie  befürchtet die Caritas, dass vor allem Wohnungslose vor einem harten Winter stehen. Der derzeit viel gehörte Appell "Bleiben Sie zuhause" sei besonders hart für Menschen, die gar kein Zuhause haben. Die Städte seien leer, die Cafes geschlossen und viele Tageseinrichtungen könnten aufgrund der Abstandsregeln weniger Menschen Räume zum Aufwärmen anbieten.

Die FFH-Hessenreporter haben deshalb nachgefragt in Kassel, Darmstadt, Frankfurt, Wiesbaden, Mainz, Heidelberg, Fulda und Gießen. Die meisten Städte sehen sich gut vorbereitet und betonen, dass sich auch die Wohnungslosen problemlos an Abstands- und Maskenregeln halten. Eine Ausnahmesituation gibt es derzeit aber in Gießen. Dort braucht die Obdachlosenhilfe dringend neue Räume.

Hier unsere Rechercheergebnisse im Einzelnen. Wie immer freuen sich die FFH-Hessenreporter über weitere Informationen, die wir hier gerne aufnehmen. 

© dpa

Mittelhessen

Giessener Wohnungslosenhilfe sucht dringend größere Räume

"Wenn jemand kein Zuhause hat, ist es einfach schwierig, zu sagen: Jetzt geht bitte mal nach Hause. Und: Halte die Regeln ein."  - Sagt Andreas Schmidt. Er ist verantwortlicher Leiter der Wohnungslosenhilfe vom Diakonischen Werk in Gießen. Bis zu 300 Menschen kommen regelmäßig in die Obdachlosen-Tagesstätte „Die Brücke“, in die Dammstraße. Die Wohnungslosen können sich dort aufwärmen, ein kleines Frühstück und einen Kaffee bekommen. Sie haben dort Ansprechpartner für ihre Nöte und auch eine unbürokratische medizinische Betreuung wird angeboten.

Tagesaufenthaltsraum seit Frühjahr geschlossen - Keine Abstände möglich

Corona hat alles geändert. Seit Beginn des Lockdowns im Frühjahr ist der Tagesaufenthaltsraum geschlossen. Der Raum ist zu klein, die Abstände können nicht eingehalten werden. Die Wohnungslosenhilfe sucht seit Monaten etwas Größeres. Leider ohne Erfolg.

Winter gefährlich für Obdachlose 

Nur in der Bahnhofsmission in Gießen können sich zur Zeit bis zu drei Personen aufwärmen. Aber nur 20 Minuten. Gerade mit Blick auf den Winter wird es gefährlich für die Menschen, die kein Dach über den Kopf haben. "Die Stimmung in der Szene ist schlecht", sagt Andreas Schmidt. Die Obdachlosen sind schon immer das letzte Glied in der Kette. Jetzt in der Pandemie noch mehr. Der Leiter der Wohnungslosenhilfe macht sich große Sorgen. Die Lage ist prekär. Im Winter besteht immer die Gefahr, dass diese Menschen erfrieren. Umso wichtiger wäre eine größere Anlaufstelle für die Betroffenen. Der Leiter der Wohnungslosenhilfe, Andreas Schmidt hofft, dass sich doch noch ein Vermieter mit Herz findet, der Räumlichkeiten für die Wohnungslosen zur Verfügung stellt.

Andreas Schmidt, Leiter Wohnungslosenhilfe:

Sie könnten im Winter erfrieren.

Andreas Schmidt, Leiter Wohnungslosenhilfe:

Sie können sich nicht bei uns aufwärmen.

© dpa

Mitarbeiter des Frankfurter Kältebusses unterwegs 

Rhein-Main

Frankfurter B-Ebene am Eschenheimer Tor geöffnet

In Frankfurt ist die B-Ebene der U-Bahn-Station Eschenheimer Tor geöffnet. Da ist auch unter Coronabedingungen Platz für 150 Menschen - es gibt Kohlendioxid-Ampeln, Luftfilter, am Einlass stehen abends Mitarbeiter mit Masken und Desinfektionsmittel - die Schlafplätze sind immer 1,5 Meter voneinander entfernt. 

Außer den 150 Übernachtungsplätzen am Eschenheimer Tor stehen 275 weitere Betten in Notübernachtungsstätten in Einrichtungen der Caritas, des Diakonischen Werks und des Frankfurter Vereins zur Verfügung. In Frankfurt leben nach Angaben von Stadträtin Daniela Birkenfeld etwa 100 Menschen aus 71 Nationen dauerhaft auf der Straße, je nach Jahreszeit kommen weitere hinzu. 

Nur selten Corona-Fälle unter Obdachlosen

Für Quarantäne-Fälle gibt es 31 spezielle Isolations-Plätze und noch fast 100 Hotelzimmer. Aber Corona sei, so die Einschätzung der Frankfurter Fachleute, bei Obdachlosen eher selten, weil sie schon so "außerordentlich" isoliert seien. Seit dem 15. Oktober ist auch der Kältebus wieder in der Stadt unterweg, der obdachlosen Menschen den Transport in eine Unterkunft oder auch Decken und warme Getränke anbiete.

Wiesbaden und Mainz

Wiesbaden setzt auf "Winterregelung"

In Wiesbaden gilt die sogenannte "Winterregelung", sagt Wiesbadens Sozialdezernent Christoph Manjura im FFH-Gespräch. Hier solle jeder unbürokratisch einen Übernachtungsplatz bekommen. Übernachtungsplätze bieten unter anderem die Diakonie mit ihrer Teestube und die Heilsarmee mit ihren Männer- und Frauenunterkünften. Aktuell sind gerade in den Zimmern der Heilsarmee noch Plätze frei. 1.700 Menschen waren laut Diakonie im Jahr 2019 wohnungslos in Wiesbaden - der Großteil stammt aus Ost- und Südosteuropa.

"Heile, Heile Gänsje"-Aktion in Mainz

In Mainz sorgte bereits im Frühjahr die Aktion "Heile, heile Gänsje" für Solidarität und Hilfe für Obdachlose. Wie der Titel des regionalen Fastnachtslieds sollte die Aktion Trost in Zeiten von Corona sorgen und zu Spenden aufrufen. Initiiert wurde die Aktion von der aktiven Fanszene von Fußball-Bundesligist Mainz 05. Die "Supporters Mainz" warben mit einer Plakatkampagne und verkauften Taschen und Shirts für den guten Zweck. (Insgesamt 33.333 Euro gesammelt).

Aktuell geht die Hilfsaktion in die zweite Runde. Und dieses Mal spielen wärmende Schals eine besondere Rolle: "Ein Schal für dich, ein Schal für mich". Unterstützer kaufen für 19,05 € zwei knall-rote Schals mit eingestickter Gans. Einen erhält der Spender, der zweite geht an einen Hilfsbedürftigen, darunter besonders akut Wohnungslose. Das Geld, dass bei der Aktion eingenommen wird kommt verschiedenen Einrichtungen zugute, beispielsweise dem Mission Leben – Psychosoziale Beratung und Tagesaufenthalt, dem Pfarrer-Landvogt-Hilfe e.V. oder der Mission Leben – Heinrich-Egli Haus, die sich allesamt der Wohnungslosen-Hilfe verschreiben.

Sebastian Schneider, Fan-Aktion Mainz 05

"Mit der Schal-Aktion Obdachlosen helfen"

© dpa

Ein warmes Essen in einer Tageseinrichtung für Obdachlose in Mannheim 

Südhessen 

Darmstadt mietet zusätzliche Unterkünfte an

In Darmstadt sind derzeit rund 200 Menschen in Obachlosenunterkünften und Hotels untergebracht. In diesem Corona-Winter wird die Stadt zusätzlich alternative Unterbringungskapazitäten anmieten, um mögliche Überbelegungen in den Unterkünften vermeiden zu können. So soll sichergestellt werden, dass die Unterbringung möglichst entzerrt stattfinden kann, sagte Sozialdezernentin Barbara Akdeniz. Auch für Mitarbeiter der Unterkünfte ist die Situation in diesem Jahr eine große Herausforderung. Es gibt ausgearbeitete Hygienekonzepte, jeder müsse sich zudem an die AHA-Regeln halten, teilte die Stadt mit.

Heidelberg reduziert Übernachtungsplätze für Obdachlose

In Heidelberg ist die Zahl der Übernachtungsplätze gegenüber den Vorjahren coronabedingt deutlich reduziert. Es wurde allerdings ein Hygienekonzept erarbeitet und im Sanitärbereich wie in den Schlafräumen weitere Vorsorgemaßnahmen ergriffen, wie zum Beispiel Plexiglaswände, Hygienemittel und eine Erhöhung der Reinigungsintervalle. „Die jetzt zur Verfügung stehenden Plätze werden nach den Erfahrungen der Vorjahre voraussichtlich ausreichen", sagt Angelika Haas-Scheuermann, Leiterin des Amtes für Soziales und Senioren der Stadt Heidelberg. Sollte ein höherer Bedarf auftreten, können weitere Wohnungen genutzt werden.

Darmstadts Sozialdezernentin Ackdeniz

"Informieren Sie uns, wenn Sie hilfebedürftige Obdachlose sehen"

Nordhessen

Kasseler Obdachlose akzeptieren Maskenpflicht

In Kassel verschärft die Corona-Pandemie die ohnehin schwierige Lage der Obdachlosen offenbar nicht. Das sagte Stefan Jünemann vom Verein Soziale Hilfe zu FFH. Er leitet das Obdachlosencafé Panama Panama in Kassel, das ein gut funktionierendes Hygienekonzept  mit Maskenpflicht und Abstandsregeln habe. Einlaß hätten vorrangig Obdachlose - soweit genügend Platz sei. "Die Wohnungslosen machen prima mit. Wir müssen selten diskutieren", sagt Jünemann.

Die Notunterkünfte und die Schlafstellen seien in Kassel nur einzeln oder für Paare belegt, deshalb gebe es hier keine Probleme mit den Abstandsregeln. In Kassel gibt es laut Schätzungen etwa 200 Wohnungslose. 

Osthessen

Fulda bietet ausreichend Schlafplätze

Laut Diakonie Fulda gibt es in Fulda nicht sehr viele Obdachlose. Für die sei ausreichend Platz in den Übernachtungseinrichtungen. Das könne sich aber ändern, wenn es sehr kalt würde. 

Anne Schmidt

Reporterin
Anne Schmidt

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