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"Corona-Diktatur" eins von zwei Unwörtern

Jury-Entscheidung in Darmstadt - "Corona-Diktatur" eins von zwei Unwörtern

© dpa

Immer wieder werden Menschen, Dinge oder Ideen durch Wörter diffamiert, diskriminiert oder herabgewürdigt. Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" stellt solche Begriffe jedes Jahr an den Pranger. 

Zum ersten Mal gibt es nicht nur ein, sondern sogar zwei Unwörter des Jahres: "Rückführungspatenschaften" und "Corona-Diktatur". Das hat die Jury der sprachkritischen Aktion in Darmstadt mitgeteilt.

In der Begründung heißt es: Mit „Rückführungspatenschaften“ (41x vorgeschlagen) wurde im September 2020 von der EU-Kommission ein neuer Mechanismus der Migrationspolitik bezeichnet: Die EU-Staaten, die sich weigern, Flüchtlinge aufzunehmen, sollen ihrer „Solidarität“ mit den anderen Mitgliedern der EU dadurch gerecht werden, dass sie die Verantwortung für die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber übernehmen.

"Zynisch und beschönigend"

Dies als „Rückführungspatenschaften“ zu bezeichnen, hält die Jury für "zynisch und beschönigend". Der ursprünglich christlich geprägte, positive Begriff der Patenschaft stehe für Verantwortungsübernahme und Unterstützung im Interesse von Hilfsbedürftigen. In der Zusammensetzung mit dem Wort „Rückführung“ werde suggeriert, „dass Abschieben eine gute menschliche Tat“ (Zitat aus einer Einsendung) sei.

Begriff aus der "Querdenker"-Bewegung

Das Wort „Corona-Diktatur“ (21x vorgeschlagen) wurde seit Beginn des öffentlichen Diskurses um den politischen Umgang mit der Pandemie unter anderem von der sogenannten „Querdenker“-Bewegung gebraucht, um regierungspolitische Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu diskreditieren. "Dass der Ausdruck auf Demonstrationen verwendet wird, die [...] ausdrücklich erlaubt sind, stellt schon in sich einen Widerspruch dar", heißt es in der Pressemitteilung der Jury. 

Verharmlosend und verhöhnend

Zudem verharmlose der Ausdruck tatsächliche Diktaturen und verhöhne die Menschen, die sich dort gegen die Diktatoren wenden und dafür Haft und Folter bis hin zum Tod in Kauf nehmen oder fliehen müssen. Der Ausdruck mache es laut der Jury zudem schwieriger, "berechtigte Zweifel an einzelnen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie offen und konstruktiv zu diskutieren."

Nina Janich: "Begriff 'Corona-Diktatur' verhindert Diskussion"

Jury-Mitglied Prof. Dr. Nina Janich erklärt, warum der Begriff gewählt wurde

Insgesamt gingen nach Angaben der Sprecherin der Jury, Nina Janich, bis zum 31. Dezember 1826 Einsendungen mit 625 unterschiedlichen Vorschlägen ein. 75 der Wörter entsprächen einer der vier Unwort-Kriterien und kämen in Frage, reine Schimpfwörter beispielsweise zählen nicht.

Häufigster Vorschlag war "systemrelevant"

"Absonderung", "Systemling", "Wirrologen" oder "Grippchen" sind unter anderem zum Sprachgebrauch mit der Corona-Pandemie eingegangen. Am häufigsten sei aber "systemrelevant" (180) vorgeschlagen worden - im Zusammenhang mit als mangelnd empfundener Wertschätzung bei den Beschränkungen. Es stand auch auf der Liste der Top Ten der "Worte des Jahres" als Begriff für Unternehmen und Berufsgruppen, die in der Corona-Krise als unverzichtbar eingestuft wurden.

Die sprachkritische Aktion "Unwort des Jahres" möchte mit ihrer alljährlichen Aktion auf unangemessenen Sprachgebrauch aufmerksam machen und so sensibilisieren. Dabei werden Wörter gerügt, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistische, verschleiernde oder irreführende Formulierungen sind. Vorschläge müssen eines der Kriterien erfüllen. Die Jury richtet sich nicht nach der Menge der Vorschläge für ein einzelnes Wort.

Unwort des Jahres seit 30 Jahren

Das "Unwort des Jahres" wird seit 1991 gekürt. Im vergangenen Jahr war es "Klimahysterie". Ende November hatte die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache "Corona-Pandemie" zum "Wort des Jahres" gekürt.

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