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Ein Jahr Hanau-Anschlag: Das war die Gedenkfeier

Ein Jahr nach Hanau-Anschlag - So bewegend war die Gedenkfeier

Ein Jahr ist es her, dass ein Mann in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven erschoss - und noch immer sind Entsetzen und Ratlosigkeit über die Tat in der Stadt greifbar.

Im Hanauer Congress Park fand am Abend die Gedenkfeier des Landes Hessen und der Stadt Hanau statt. Mit dabei waren neben den Angehörigen der Opfer auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier und der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky. Anschließend setzte um 19.02 Uhr in der Stadt ein Glockengeläut ein.

Bouffier und Kaminsky lesen die Namen der Opfer vor

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) haben zu Beginn der Gedenkfeier die Namen der neun Toten vorgelesen.

Ferhat Unvar, Hamza Kurtovic, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Fatih Saraçoglu

Hanaus Ehrenbürger und Ex-Fußball-Nationalspieler Rudi Völler hatte zum Auftakt der Veranstaltung eine Gedenkkerze entzündet und ein Wilhelm-Grimm-Zitat vorgelesen.

"Hass, der alle anderen Gefühle bald überflügelt, zerstört mehr als alles andere das ruhige und gedeihliche Leben eines Staates, das auf der inneren Gesinnung der Menschen beruht, nicht auf Bajonetten", lautete das Zitat des berühmten Märchensammlers Wilhelm Grimm, der ebenso wie sein Bruder Jacob in Hanau geboren wurde.

Angehörige fordern lückenlose Aufklärung

Die Angehörigen der Opfer haben bei der Gedenkfeier eindringlich eine lückenlose Aufklärung gefordert. In Videobotschaften, die gezeigt wurden, mahnten sie mit emotionalen Worten mehr Anstrengungen im Kampf gegen Rassismus an. Die noch offenen Fragen um den Anschlag mit neun Toten müssten geklärt werden. Die Verantwortlichen, die Fehler vor und nach der Tat begangen hätten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Armin Kurtovic, der Vater des getöteten Hamza Kurtovic, hielt auch eine Rede im Namen aller Opferfamilien auf der Gedenkfeier. Dabei forderte er, eine solche Tat dürfe sich nicht wiederholen.

Armin Kurtovic, Vater des getöteten Hamza Kurtovic

Er sprach bei der Gedenkfeier im Namen aller Opferfamilien

Steinmeier: "Der Staat ist gefordert"

"Aufklärung und Aufarbeitung stehen nicht in freiem Ermessen. Sie sind Bringschuld des Staates gegenüber der Öffentlichkeit und vor allem gegenüber den Angehörigen", sagte Steinmeier bei der Gedenkveranstaltung in Hanau.

Er wisse, dass es Kritik und Fragen an das staatliche Handeln gegeben habe und weiter gebe. Auch der Staat und die, die in ihm Verantwortung tragen, seien nicht unfehlbar. Wo es Fehler oder Fehleinschätzungen gegeben habe, müsse aufgeklärt werden, sagte Steinmeier. "Nur in dem Maße, in dem diese Bringschuld abgetragen wird und Antworten auf offene Fragen gegeben werden, kann verlorenes Vertrauen wieder wachsen. Deshalb müssen wir uns so sehr darum bemühen. Der Staat ist gefordert."

"Staat konnte sein Versprechen nicht einhalten"

Der Bundespräsident hatte die Hinterbliebenen der Opfer im vergangenen September ins Schloss Bellevue eingeladen und mit ihnen Gespräche geführt. Unmittelbar vor der Gedenkveranstaltung hatte er sich mit einem persönlichen Brief an die Familien gewandt. In seiner Rede sagte er ihnen: "Ich bin hier, weil mich zutiefst bedrückt, dass unser Staat sein Versprechen von Schutz, Sicherheit und Freiheit, das er allen gibt, die hier gemeinsam friedlich leben, gegenüber Ihren Angehörigen nicht hat einhalten können."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

„Ich bitte uns, lasst nicht zu, dass die böse Tat uns spaltet.“

Zahlreiche Aktionen

Bereits am Mittag wurden Kränze an beiden Tatorten niedergelegt. Rund 500 Angehörige und Hanauer Bürger kamen auf dem Hauptfriedhof zu einer Andacht zusammen. Sie versammelten sich an einem Ensemble von Ehrengräbern, wo die Opfer Ferhat Unvar, Hamza Kurtovic und Said Nesar Hashemi begraben sind.

Gedenksteine für die weiteren Opfer

Zu dem Ensemble gehören auch Gedenksteine für die weiteren sechs Todesopfer: Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun und Fatih Saraçoglu. Verschiedene Religionsgemeinschaften und Gruppierungen erinnerten mit Demonstrationen und einer Kranzniederlegung an die Ermordeten.

Hunderte demonstrieren

Bei einer Kundgebung gedachten Menschen der Opfer und machen sich gegen Rassismus stark. Hunderte zogen vom Marktplatz zum Heumarkt - einer der Tatorte. Dabei riefen sie Namen der Todeopfer.

Friedensgebet in der Marienkirche

In der Marienkirche findet zu jeder vollen Stunde ein Friedensgebet statt. Bis zum Mittag zählte die Polizei nach Angaben eines Sprechers zusammen rund 80 Teilnehmer. Am Nachmittag fanden zahlreiche Aktionen statt: Unter anderem ein Gedenkmarsch und eine Kundgebung auf dem Marktplatz.

Proteste auch in Hamburg

Zu einer Demonstration kam es außerdem auch in Hamburg. Rund 2000 Demonstranten forderten eine Aufklärung des rassistischen Anschlags von Hanau. Sie gingen unter dem Motto "Solidarität von Hamburg nach Hanau" auf die Straße.

Im Stadtteil St. Pauli beteiligten sich nach Angaben der Polizei an drei Kundgebungen 500, 600 und 650 Menschen. Im Stadtteil Wilhelmsburg seien weitere 200 bis 250 Demonstranten zusammengekommen. Zu den Kundgebungen hatten das Hamburger Bündnis gegen Rechts und die Initiative Seebrücke aufgerufen. Es habe keine Zwischenfälle gegeben.

Angehörige erneuern Kritik an Behörden

Vielfach hatten die Angehörigen in den vergangenen zwölf Monaten Konsequenzen aus der Tat gefordert - allen voran ein entschiedeneres Eintreten gegen Rechts. Den Behörden warfen sie vor, "Warnsignale" nicht ernst genug genommen zu haben, zuletzt etwa Ajla Kurtovic, deren Bruder Hamza unter den neun Todesopfern des Anschlags war. Neben Pamphleten mit Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten, die der 43 Jahre alte Täter vor der Tat im Internet veröffentlicht hatte, gehört dazu auch ein von ihm verfasster, sehr wirrer Brief, der Monate zuvor beim Generalbundesanwalt eingegangen war.

Initiative: "Versagen der Behörde"

Warum wurde dem nicht nachgegangen und warum durfte Tobias R. Waffen besitzen? Wie kann eine solche Tat künftig verhindert werden? Diese Fragen treiben nicht nur die Familien um. Schärfer formuliert es die "Initiative 19. Februar Hanau", ein Zusammenschluss von Hanauer Angehörigen.

In einem der Texte auf ihrer Homepage ist von einem "Versagen der Behörden vor, während und nach der Tat", von "Schwerfälligkeit der Ämter bei der Unterstützung und Hilfe" und von "unverzeihlichem Fehlverhalten der Sicherheitskräfte in der Tatnacht" die Rede. Er zeigt, wie tief die Wunden und die Zerrissenheit in Hanau auch ein Jahr nach dem Anschlag noch sind.

© FFH

Hunderte rufen bei einer Demonstration die Namen der neun Opfer. Ihr Weg führt vom Marktplatz zum Heumarkt - einer der Tatorte.

Die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD) und der Zentralrat der Juden haben nachhaltige Unterstützung für die Hinterbliebenen der Opfer gefordert. "Denn für Betroffene ist Hanau potenziell immer (noch) und überall", sagte der TGD-Bundesvorsitzende, Atila Karabörklü. Rechtsextremismus und Rassismus würden auf politischer Ebene mittlerweile zwar ernster genommen - aber sie hätten immer noch einen zu geringen Stellenwert in Deutschland.

Viele haben noch Spätfolgen

"Viele Betroffene leiden noch heute unter den Spätfolgen des Anschlags. Ihnen gilt unsere Solidarität und unser Mitgefühl", sagte der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster. Er forderte konkrete Maßnahmen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus.Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) betonte, dass die Gesellschaft geschlossen gegen Rassismus vorgehen müsse, weil er das friedliche Zusammenleben gefährde und zerstöre. "Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Rassismus hat höchste Priorität", so Giffey.

FFH-Reporter Daniel Granitzny berichtet aus Hanau, dort wurden die Straßennamen im Gedenken an die Opfer vorübergehend umbenannt.

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