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FFH-Impftag: Virologe Martin Stürmer im Interview

Der FFH-Impftag - Virologe Martin Stürmer gibt Antworten

© dpa

Virologe Martin Stürmer aus Frankfurt erläutert aktuelle Fragen rund ums Impfen gegen das Coronavirus. 

Für den FFH-Impftag haben unsere Reporter bei Hausärzten, in Apotheken und Impfzentren recherchiert und bei Politikern nachgefragt: Warum liegt Hessen in der Impfkampagne so weit hinten? Was läuft gut, wo könnte es noch besser laufen? Außerdem haben wir mit Virologe Martin Stürmer gesprochen. Er hat die Antworten auf alle brennenden Fragen rund ums Impfen gegen das Coronavirus. 

Wie gefährlich ist eine Kreuzimpfung?

Als Erstimpfung habe ich AstraZeneca bekommen, die Zweitimpfung soll ein anderer Impfstoff werden. Wie gefährlich ist so eine Kreuzimpfung? 

Virologe Martin Stürmer sagt: "Es laufen Studien dazu, aber wir haben noch keine finalen Daten gesehen. Wir wissen also noch nichts dazu, ob eine Kreuzimpfung die Effektivität der Impfung beeinträchtigt. Und wir wissen auch noch nichts über den optimalen Abstand zwischen der ersten AstraZeneca-Impfung und der zweiten mRNA-Impfung. In den aktuellen Empfehlungen heißt es, dass die beiden Impfungen 12 Wochen auseinander liegen sollen."

Müssen wir uns jetzt jährlich gegen Corona impfen lassen?

Werden wir uns jetzt jedes Jahr mit einer Auffrischungsimpfung gegen das Coronavirus impfen lassen müssen? 

Virologe Martin Stürmer sagt: "Bei Menschen, die eine Corona-Infektion durchgemacht haben, ist zu beobachten, dass die Antikörper nach etwa einem halben Jahr zurückgehen. Deshalb ist damit zu rechnen, dass wir uns auch in Zukunft regelmäßig gegen das Virus impfen lassen müssen. Der Vorteil ist, dass die Anschlussimpfung eine an Mutationen angepasste Version sein kann und somit noch effektiver wäre. Studiendaten, wie lange uns die Grundimpfung gegen eine Infektion mit SARS Cov-2 schützt, liegen noch nicht final vor."

Kann ich nach kompletter Impfung Überträger sein?

Ist denn jetzt eigentlich geklärt, ob ich nach der kompletten Impfung immer noch Überträger des Virus sein kann, oder nicht? 

Virologe Martin Stürmer sagt: "Studien belegen, dass uns das Impfen vor schweren Erkrankungen schützt und es schützt uns in einem hohen Grade dagegen, überhaupt krank zu werden. Anhand der Daten, die wir bis jetzt haben, sieht es so aus, dass wir zu einem hohen Teil das Virus überhaupt nicht mehr bekommen können und dementsprechend als Überträger auch nicht mehr in Frage kommen. Wie hoch dieser Prozentsatz genau bei welchem Impfstoff aussieht, weiß man aktuell noch nicht genau."

"Und im Rahmen der Pandemie-Bekämpfung sorgt der Impfstoff und das Impfen dafür, dass wir das Virus nicht weitergeben können und die Pandemie irgendwann auch wieder abflaut. Wichtig im Kontext ist, dass die Menschen, die vollständig geimpft sind, deshalb auch keinen Freibrief haben, auf Maske und Abstand verzichten zu können. Mögliche Lockerungen für Geimpfte, die man  negativ Getesteten gleichstellt, halte ich für vernünftig, aber wir gehen bei beiden Gruppen noch ein kleines Risiko ein, dass jemand trotzdem Überträger des Virus sein kann."

Würden Sie mit Sputnik V impfen lassen?

Deutschland hat 30 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V bestellt. Würden Sie - Stand jetzt - damit impfen lassen? 

Virologe Martin Stürmer sagt: "Sputnik V ist ein russischer Impfstoff, der in einer Doppel-Impf-Strategie funktioniert. Er sieht in den Studiendaten von der Effektivität her sehr gut aus, aber es gibt Zweifel, ob da alle Daten ordentlich berichtet wurden, oder ob da nicht etwas nachgeholfen wurde. Wichtig ist, dass die Zulassungsbehörden die entsprechenden Daten gründlich prüfen. Wenn der Impfstoff in Deutschland zugelassen wird, braucht man kein schlechtes Gefühl zu haben und sollte den Impfstoff dann auch nicht ablehnen. Wir sind in einer Situation, wo schnelles Impfen wichtig ist und da ist jeder auf Sicherheit geprüfte und zugelassene Impfstoff sinnvoll und bringt uns weiter."

Wie einfach ist es, Impfstoff an Virus-Mutationen anzupassen?

Man hört immer wieder, dass es vergleichsweise leicht sei, Impfstoffe an Virus-Mutationen anzupassen. Was sagen Sie dazu? 

Virologe Martin Stürmer erklärt: "Im Falle der mRNA-Impfstoffe geht eine Anpassung relativ schnell. Innerhalb weniger Wochen ist da eine Vorlage modifiziert und Impfstoff produziert und auch das Zulassungsverfahren wird nicht so lange dauern wie bei der Initial-Zulassung des Impfstoffes, weil es sich dann ja nur noch um eine Modifikation der RNA an sich handelt. Das Prinzip als Ganzes hat sich durch eine Modifikation nicht verändert. Deshalb bin ich optimistisch, dass wir innerhalb weniger Wochen angepasste Präparate auf dem Markt haben werden, sollte sich herausstellen, dass der aktuelle Impfstoff gegen Virusmutationen schlechter oder unzureichend wirkt."

Warum ist die Ansteckungsgefahr draußen geringer?

Die Ansteckungsgefahr soll im Freien viel geringer sein, als in geschlossenen Räumen. Können Sie das für uns präzisieren?

Virologe Martin Stürmer sagt: "SARS-CoV-2 wird über Tröpfchen und Aerosole übertragen. Aerosole sind ganz feine Partikel, die sich im Freien sofort verteilen. Selbst wenn ich ein Aerosol-Partikel oder 50 oder 100 aufnehmen würde, würde das nicht reichen, um eine Infektion zu starten. Allerdings: Wenn ich über einen längeren Zeitraum ohne Maske dicht an dicht mit anderen Menschen im Freien sitze und mich angeregt unterhalte, kann trotzdem über Tröpfcheninfektion etwas passieren. Deshalb ist es auch im Freien wichtig und sinnvoll, sich an die Abstandsregeln und das Masketragen (sofern es vorgeschrieben ist) zu halten."

Nach dem Impfen einen Antikörpertest machen?

Inwiefern ist es sinnvoll, nach dem Impfen einen Antikörpertest zu machen um zu schauen, ob die Impfung richtig angeschlagen hat? 

Virologe Martin Stürmer sagt: "Es ist noch kein Schwellenwert bekannt, ab dem wir wissen, dass die Impfung tatsächlich funktioniert oder nicht und wenn ja, wie hoch muss der Wert für welche verschiedenen Virus-Varianten sein? Deshalb ist es im Moment eine individuelle Entscheidung, ob man das wissen möchte."

Was halten Sie von der Ausgangssperre?

In Hamburg gibt's seit über drei Wochen eine Ausgangssperre. Am Anfang lag die Inzidenz bei 160 und jetzt etwa bei 116. Das heißt es funktioniert, oder? Was halten Sie von der Ausgangssperre?

Virologe Martin Stürmer sagt: "Ich persönlich halte von der nächtlichen Ausgangssperre mit Beginn 22 Uhr nicht ganz so viel. Gerade weil wir den Menschen die Möglichkeit geben, sich vor 22 Uhr zu treffen. Mir wäre es wichtig gewesen, eine Ausgangssperre rund um die Uhr zu haben, die das Freizeitverhalten nicht einschränkt, sondern nur dafür sorgt, dass sich Menschen nicht zu privaten Treffen in geschlossenen Räumen zusammenfinden. Das ist natürlich schwierig zu kontrollieren und erfordert eine gewisse Disziplin der Bevölkerung. Aber ich denke, wenn man es richtig kommunizieren würde, wäre das der bessere Weg, auch wenn Hamburg mit einer dreiwöchigen Ausgangssperre die Inzidenz durchaus drücken konnte."

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Die Experten-Antworten zum Nachhören

Jährliche Impf-Auffrischung?

Virologe Martin Stürmer zu Sputnik-V

Ist eine Kreuzimpfung gefährlich?

Wie schnell kann Impfstoff an Mutationen angepasst werden?

Virus übertragen trotz vollständiger Impfung?

Antikörpertest nach vollständiger Impfung?

Ansteckungsgefahr im Freien?

Virologe Martin Stürmer zu Ausgangssperren

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