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Hessenweit steigt die Zahl der Kirchenaustritte

Mehr Kirchenaustritte in Hessen - Weniger Katholiken und Evangelen

© dpa

Immer mehr Menschen verlieren den Bezug zur Kirche. Auch in Hessen haben die beiden großen Kirchen das im vergangenen Jahr durch Zehntausende Austritte zu spüren bekommen. Bischöfe und Kirchenpräsidenten sind betrübt und um Erklärungen bemüht.

Schwarzer Tag für die großen Kirchen: Der evangelischen und katholischen Kirche laufen immer mehr Mitglieder davon - und damit schwinden auch die Steuereinnahmen. Bei den Katholiken stieg die Zahl der Austritte im vergangenen Jahr weiter an, auf nun 19 335. In den vergangenen zehn Jahren war der Wert nicht ansatzweise so hoch.

Auch Interesse an Gottesdiensten gering

Im Jahr 2018 waren es noch 16 388 in Hessen, wie die Deutsche Bischofskonferenz in Bonn mitteilte. Im Bundesland sind aktuell 1 362 767 Katholiken registriert. Nicht mal jeder Zehnte zählt zu Gottesdienstbesuchern. Der Anteil lag bei 9,5 Prozent - immerhin leicht über dem Bundesdurchschnitt (9,1 Prozent). Deutschlandweit liegt die Zahl der Austritte bei den Katholiken auf einem Allzeithoch, wie die DBK mitteilte. Es waren im vergangenen Jahr 272 771 Menschen (2018: 216 078).

Bischof Bätzing: "Entfremdung noch stärker geworden" 

Der DBK-Vorsitzende, Bischof Georg Bätzing (Limburg), sprach von einer "Erosion persönlicher Kirchenbindung". Eine Vielzahl von Menschen lasse sich nicht mehr für das kirchliche Leben motivieren. Die hohe Zahl der Kirchenaustritte empfinde er als "besonders belastend". Die Entfremdung zwischen Kirchenmitgliedern und einem Glaubensleben in kirchlicher Gemeinschaft sei noch stärker geworden. Der Aderlass für die katholische Kirche stellt sich in den drei Bistümern wie folgt dar: Im Bistum Mainz, das sich auch über Teile Hessens erstreckt, stiegen die Austritte von 8431 im Vorjahr auf 9936, im Bistum Limburg von 7791 auf 9439 und im Bistum Fulda von 3196 auf 3725.

Auch evangelische Kirche leidet unter Austritten

Auch in der evangelischen Kirche in Hessen beschleunigte sich der Negativ-Trend. Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck mit Sitz in Kassel berichtete von einem Anstieg der Austrittszahlen: 2019 waren es 8265, 2018 noch 6843 Austritte. Dies sei ein Rekordwert, wenn man die Statistiken bis zum Jahr 2000 betrachte. Alles in allem - auch zuzüglich der Bestattungen und Umzüge - sank die Zahl der Mitglieder im Jahr um 2,1 Prozent auf 783 980 Menschen.

Die in Darmstadt ansässige Evangelische Kirche in Hessen und Nassau registrierte im vergangenen Jahr 21 071 Austritte. Das waren 14,5 Prozent mehr als 2018, als 18 404 Austritte gezählt wurden. Um einen Rekord handele es sich bei den aktuellen Austrittszahlen aber nicht. 

Kirche unter Druck

Die Steigerung der Austrittszahlen werfe viele Fragen auf und bringe große Herausforderungen für alle in der Kirche mit sich, sagte EKHN-Präsident Carsten Jung. Es gebe es kein "Patentrezept, um den vielfältigen Ursachen zu begegnen". Als Gründe für die Steigerung der Austritte vermutet Jung, "die zunehmende Abkehr von großen Institutionen und deren Bindungskraft". Zugleich sieht er die evangelische und die katholische Kirche derzeit medial und in gesellschaftlichen Debatten großem Druck ausgesetzt. Als Beispiel führte er die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt auf, die im zurückliegenden Jahr oft die Schlagzeilen beherrschten und in allen Kirchen die Glaubwürdigkeit angetastet habe.

Den Mainzer Bischof Peter Kohlgraf stimmten die Zahlen traurig: "Es gibt viele Austrittsgründe: innere Entfremdung, die Erfahrung persönlicher Enttäuschung, Empörung über Skandale in der Kirche oder Ärger über die Position der Kirche bei Themen wie Frauenordination, Homosexualität oder Zölibat."

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