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Wieso kann man gegen Windkraft sein?

Anwohner und Gegner im Gespräch - Wie kann man gegen Windkraft sein?

Ein paar Rotorblätter, die sich irgendwo auf einem abgelegenen Berg in Ruhe vor sich hin drehen und fleißig Strom produzieren. Das klingt doch eigentlich super, oder? Trotzdem gibt es immer wieder Proteste gegen Windkraft. Wir wollten wissen: Warum?

Windkraft: Für viele Hessen sind das die Dinger, die man auf der Autobahn irgendwo am Horizont sieht. Nicht die Beste Ausgangsposition, um sich ein Urteil über diese Form der Energieerzeugung zu bilden. Wir wollten es genauer wissen und haben mit Windkraft-Gegnern und Anwohnern gesprochen. Wie ist es wirklich, am Windrad zu wohnen?

Soviel Strom erzeugt Windkraft aktuell

Windkraft hat in Hessen den größten Anteil an der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Die rund 1100 Windräder im Bundesland erzeugen 35% des Öko-Stroms. Auch wenn das nach viel klingt – rechnet man noch den Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken dazu macht Windstrom gerade einmal 13% unseres jährlichen Stromverbrauchs aus.

So wird unser Öko-Strom erzeugt

Windkraft 35,1%
Solartechnik 25,3%
Biogas 12,5%
Biomasse 9,7%
Bioanteil der Müllverbrennung 9,6%
Wasserkraft 5%

Auswahl Biostrom-Erzeugung in Hessen 2016. Quelle: Statistisches Landesamt

Damit die Energiewende auf diesem Weg gelingt, müssten also noch eine ganze Menge Windräder gebaut werden. Doch in vielen Gegenden, die als mögliche Plätze für neue Windanlagen ausgesucht werden, bilden sich Bürgerinitiativen, gibt es Protest.

Ein Ort „umzingelt“ von Windrädern?

Zum Beispiel im Odenwald. Hier engagiert sich Hans-Joachim Büchs in der Bürgerinitiative „Zukunft Vielbrunn“. Rund um seinen Heimatort an der bayrischen Grenze sollen Flächen als mögliche Windkraft-Baugebiete ausgewiesen werden. Er befürchtet nun, dass der Ort in Zukunft von Windkraftwerken „umzingelt würde“.

© Regierungspräsidium Darmstadt

Geplante Windkraft-Gebiete (rot) rund um Vielbrund. Auch hinter der Grenze auf der bayrischen Seite sind Windkraftgebiete geplant (nicht eingezeichnet).

Büchs warnt vor allem vor den Folgen der Zerstörung von Waldgebieten, die für den Bau und die Zufahrtswege zu den Anlagen nötig wäre. Eine mögliche Erosion des Waldbodens und eine höhere Gefahr von Schlammlawinen durch die fehlenden Bäume sind für Büchs nur eine der negativen Folgen. Er sagt: „Weltklimarettung schön und gut. Wie sieht es denn zukünftig mit unserem südhessischen Mikroklima aus, wenn 300 Windräder hier verbaut sind?“

Nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Und Büchs mutmaßt, das es dabei nicht bleiben wird. Denn alle hessischen Windräder zusammen produzieren derzeit nur rund 85% der Energie, die das Kernkraftwerk Biblis liefern konnte: „Wenn die bereits errichteten 1.100 Windräder nicht einmal ein einziges Kraftwerk abdecken können, dürften weitere 300 im Odenwaldkreis nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein“.

Auch eine Beeinträchtigung von Mensch und Tier durch die nächtliche Beleuchtung der Windräder prognostiziert Büchs. Mit Ruhe und Entspannung, sowie einem natürlichen Schlafrhythmus könnte es im geruhsamen Odenwald bald vorbei sein, befürchtet er.

Das sagen Hessen, die schon am Windkraftwerk wohnen

Aber ist es wirklich so dramatisch? Wir haben Hessen besucht, die schon lange in unmittelbarer Nähe zu einem Windrad wohnen. Vor dem Hof von Joachim Unkelbach aus Karben-Petterweil wurden schon vor 17 Jahren Windräder gebaut. Nur knapp 800 Meter trennen ihn, heute ist ein Abstand von mindestens einem Kilometer vorgeschrieben.

Windkraftwerk im Bau

Joachim Unkelbach: 17 Jahren neben dem Windrad

Trotzdem findet er im FFH-Interview eher beruhigende Worte: „Die Störung hält sich eigentlich in Grenzen. Von Geräuschen, die wir vorher befürchtet hatten, ist es relativ wenig. Das ist mal ein Rauschen, wie so eine Zentrifuge“, sagt beschreibt er. „Das einzige was vielleicht ein bisschen stört ist der Schattenwurf. Aber der tritt ja auch immer nur auf bei bestimmtem Sonnenstand. Und dann auch nur für vielleicht eine Stunde an ein paar Tagen im Jahr.“

„Windräder sind keine besonders große Beeinträchtigung unserer Lebensqualität“

Eine ähnliche Aussage bekommen wir auch von Bauer Matthias Wacker aus Schöneck-Kilianstädten. Er wohnt seit 10 Jahren ebenfalls rund 800 Meter vom nächsten Windrad entfernt: „Es ist jetzt keine besonders große Beeinträchtigung unserer Lebensqualität, aber natürlich spürt man schon, dass sie da sind. Ein bisschen Lärm ist schon da, gerade wenn der Wind in unsere Richtung steht.“ Finanziell profitieren tut Matthias Wacker vom Windrad übrigens nicht – das Land auf dem es steht gehört jemandem anders. Trotzdem findet er die Windräder in Ordnung: „Man kann nicht immer nur sagen ‚nicht vor unserer Haustür, sollen die doch den Strom irgendwo anders produzieren‘ [] Jeder muss da auch ein bisschen Einsicht haben“.

„Windräder sind wie ein Zahnartzbesuch“

Auch die Aussagen der anderen Anwohner, mit denen wir gesprochen haben, sind ähnlich: Man hört es ein wenig und der Schatten nervt manchmal – aber gewöhnt sich dran.

Und Joachim Unkelbach aus Karben-Petterweil bringt es so auf den Punkt: „Windräder sind wie ein Zahnarztbesuch. Keiner geht gerne zum Zahnarzt, aber notwendig ist es trotzdem.“

Hier stehen Hessens Windräder

Marc Adler

Reporter:
Marc Adler

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