On AirFFH-Morningshow >

Soll die Impfpflicht kommen?

Soll die Impfpflicht kommen? - "Mit Gewalt impfen? Das wäre absurd!"

Neue Masernfälle haben die Diskussion um eine Impfpflicht in Deutschland entfacht. Muss der Staat hier die Allgemeinheit schützen oder wäre eine verpflichtende Impfung ein Eingriff in die Grundrechte, der zu weit geht? Wir haben mit hessischen Kinderärzten gesprochen.

Es ist ein der Alptraum für alle Eltern: Plötzlich und ohne Vorwarnung hört der neugeborene Säugling einfach auf zu atmen und stirbt! Dieses dramatische Ereignis kann eine Folge des Keuchhustens-Erregers sein, der bei sehr jungen Kindern häufig nicht zu Husten führt, sondern direkt zum Atemstillstand. Die Empfehlung der Ärzte: Eine Impfung! Genau wie bei vielen anderen Krankheiten!

Immer mehr ungeimpfte Kinder in Hessen

Hier bei uns in Hessen sind noch rund 93 Prozent der Kinder geimpft. Eine hohe Zahl, die aber möglicherweise nicht mehr lange Bestand haben wird. Denn wie überall in Deutschland bringen auch hier in Hessen immer weniger Eltern ihre Kinder zur Impfung - und das hat Folgen. Krankheiten, die jahrelang auf dem Rückzug waren, erleben auf einmal wieder eine Renaissance.

Darum ist eine Impfung auf jeden Fall zu empfehlen, sagt Dr. Ute Arndt, Ärztin aus Marburg und Mitarbeiterin beim Grünen Kreuz, dass sich für mehr gesundheitliche Vorsorge einsetzt: "Auf jeden Fall, weil wir mit Impfungen den Krankheiten etwas entgegensetzen können, die wir schlecht oder überhaupt nicht behandeln können". Denn auch wenn die Medizin große Fortschritte macht, bei vielen Infektionskrankheiten können bis heute nur die Symptome behandelt werden, aber nicht die Ursache, also das Virus selber, bekämpft werden.

Masern: Brauchen wir eine gesetzliche Impf-Pflicht?

Gesundheitsminister Spahn will sie, die meisten Ärzte wollen sie, aber sollte es wirklich Pflicht sein?

Ja, im Interesse aller sollte es gesetzliche Pflicht sein.

Ja, im Interesse aller sollte es gesetzliche Pflicht sein.

64 %

Jeder sollte impfen - aber es sollte kein Zwang sein.

Jeder sollte impfen - aber es sollte kein Zwang sein.

30 %

Nein, ich lasse mein Kind nicht impfen.

Nein, ich lasse mein Kind nicht impfen.

6 %

Impfungen: Eine Erfolgsgeschichte!?

Hier sind Impfungen eine echte Erfolgsgeschichte für Dr. Arndt: "Wir haben keine Pocken mehr, die sind ausgerottet durch Impfung. Wir sind nah davor Kinderlähmung auszurotten und das ist einzig und allein ein Verdienst der Impfung". Doch die Ausrottung einer Krankheit gelingt nur, wenn der Anteil der geimpften in der Bevölkerung dauerhaft hoch genug ist. Nur dann findet der Erreger keine neuen Opfer um sich zu verbreiten und stirbt irgendwann aus.

Besonders Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, sind darauf angewiesen, dass sie nicht von einem ungeimpften Kind in ihrer Umgebung angesteckt werden. Doch je höher die Zahl der Impf-Verweigerer, so größer ist auch die Chance, dass andere Kinder in Mitleidenschaft gezogen werden.

"Im Grundgesetz ist das Recht auf Unversehrtheit verankert"

Doch reicht alleine das, um eine staatlich verordnete Impfpflicht zu rechtfertigen? Nein sagt Dr. Michael Friedl, Kinderarzt in Heidelberg und Vorsitzender des Vereins Ärzte für individuelle Impfentscheidung: "Es muss in dem individuellen Verantwortungsbereich der Eltern bleiben was sie wo impfen. [...] Im Grundgesetz ist das Recht auf Unversehrtheit verankert. Und es gibt das Recht der Eltern zu entscheiden, was für ihre Kinder in ihrem Sinne für die Erhaltung der Gesundheit am besten ist". 

"Entscheidungen werden nicht leichtfertig getroffen"

Für ihn sind Ärzte in erster Linie Ratgeber: "Wir können Empfehlungen machen. Dabei sind aber auch unsinnige Empfehlungen dabei, wie die Empfehlung gegen Windpocken oder Rotaviren zu impfen. Daran stirbt in Deutschland kein Kind und trotzdem wird es empfohlen.

Das wiederum sieht Dr. Arndt aus Marburg ganz anders. Im FFH-Interview entgegnet sie: "Die Empfehlungen die wir hierzulande haben, die sind wirklich sehr ausgegoren. Diese Entscheidungen werden nicht leichtfertig oder schnell getroffen, sondern es ist immer ein riesen Prozess, oft über Jahre, bis so eine Impfempfehlung steht."

Masernfälle in Hessen seit 2001

Ungeimpfte Kinder von Kindergärten und Kitas ausschließen

Auch die Bad Homburger Kinderärztin Dr. Barbara Mühlfeld hält Impfungen für eine extrem wichtige Sache. Eine generelle Impfpflicht sieht allerdings auch sie eher kritisch. Sie sagt bei Daniel Fischer und Julia Nestle in der FFH-Morningshow: "Wenn man das zu Ende denken würde, dann würde das ja heißen, dass man die Kinder gegen den Willen der Eltern mit Gewalt bei uns vorführen würde, um sie zu impfen. Und das ist natürlich absurd!"

Allerdings hält sie Impfgegner trotzdem für eine Gefahr. Ihr Vorschlag: Ungeimpfte Kinder von wie Kindergärten oder Kitas ausschließen: "Am sinnvollsten fände ich es Eltern zu überzeugen. Nur sind die Zahlen bundesweit so schlecht, dass man sagen muss, zum Schutze der Kinder die nicht geimpft werden können, sollten nicht geimpfte Kinder in Gemeinschaftseinrichtungen nicht aufgenommen werden." Ein Ansatz der allerdings neue Fragen aufwirft, wenn es Beispielsweise um die Schulpflicht geht.

Soll die Impfpflicht kommen?

Kinderärztin Dr. Barbara Mühlfeld

Kinderärztin Dr. Barbara Mühlfeld in der FFH-Morningshow

"Impfgegner appellieren sehr an die Ängste und Emotionen"

Einen Vorwurf macht Dr. Mühlfeld Eltern, die an einer Impfung zweifeln, aber nicht. Denn in ihren Beobachtungen haben besonders die Internetauftritte militanter Impfgegner in den letzten Jahren an Professionalität sehr zugenommen: "Die Impfgegner appellieren sehr an die Ängste und Emotionen der Eltern. [] Der medizinische und statistische Hintergrund ist dabei oft nicht so einfach zu verstehen. Und man kann ja auch nicht ein Medizinstudium absolvieren, nur um dann die Entscheidung Impfen ja oder nein zu treffen."

Doch die meisten Behauptungen der Impfgegner seien im Detail nicht zu belegen und völlig grundlos. Komplikationen, die in seltenen Fällen tatsächlich auftreten, werden von den Arztpraxen direkt an die Behörden gemeldet und dort auch veröffentlicht.

Für Dr. Mühlfeld aber kein Grund vor einer Impfung zurück zu schrecken. Ihr Fazit: "Die Schäden die eine Krankheit anrichten kann sind deutlich häufiger und deutlich höher als ein potentieller Impfschaden. Darum ist die Impfung ganz klar zu empfehlen!"

Marc Adler

Reporter:
Marc Adler

nach oben