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Conchita: Ich schummele mich als Pop-Häschen durch

Conchita bei FFH:"Ich schummele mich als Pop-Häschen durch"

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"Ich parodiere Frauen nicht – ich bewundere Frauen"! Als "Conchita Wurst" gewann der Österreicher Tom Neuwirth in Kopenhagen deutlich den Eurovision Song Contest. Jetzt tritt sie in Hamburg und Berlin auf, begleitet vom National Philharmonic Orchestra Berlin: "Ich habe großen Respekt vor der Klassik und versuche, mich als Pop-Häschen irgendwie durchzuschummeln."

Warum sie sich manchmal trotz des großen Erfolgs schwach fühlt, wie es war in einem kleinen Ort als Junge in Kleidern aufzuwachsen, warum sie Lena bewundert, Angela Merkel gerne einmal treffen würde und dass wir einfach alle viel zu viel jammern.

Conchita plaudert mit Silvia über ihre Kindheit in Bad Mitterndorff, über die Freude ein schwuler Mann zu sein und warum er Frauen anbetet. Sonntag ab 9 Uhr.

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Hast du tatsächlich als Kind Blumen in die Schule mitgenommen und sie auf deinen Tisch gestellt?

Natürlich. Ich habe doch keine Zeit, an einem nichtgedeckten Tisch zu sitzen. Ich hatte ein Tischtuch, ich hatte eine Uhr und ich hatte Blumen, das volle Programm. Die Schule war mein Arbeitsplatz, da wollte ich mich wohlfühlen. Das war ganz klar, dass ich das brauche.

Du wusstest auch früh aus dir wird einmal ein Weltstar?!

Das klingt wahnsinnig arrogant, aber man darf nicht vergessen, dass ich sonst nichts kann.

Du wirkst stark.

Ich empfinde mich als nicht so stark. In meiner Welt bin ich noch lange nicht da, wo ich hin möchte. Ich bin definitiv nicht so stark wie einige Menschen, das gerne hätten, oder sehen wollen.

Macht Conchita dich stärker?

Ja, wobei am Ende des Tages ist es Entertainment und Showbusiness und bei allem Tiefsinnigen, was diese Figur definitiv für mich hat, ist es auch die Möglichkeit größer zu sein, von allem ein bisschen zu viel zu sein. Insofern macht sie mich definitiv stärker. In dem Moment wenn ich die Perücke aufhabe, benehme ich mich, glaube ich, auch ein bisschen anständiger als privat - lacht - und ich bin definitiv höflicher und geduldiger als privat.

Was hast du über Frauen gelernt mit Conchita?

Viel. Auch, wie Frauen benachteiligt werden. Ich habe mit ganz, ganz vielen Frauen zusammen gearbeitet, unglaublich talentierten Frauen, die viel besser sind als ich und habe mich dann manchmal in Situationen wiedergefunden, wo ich von Produzenten, Regisseuren bevorzugt wurde, weil am Ende des Tages bin ich immer noch ein weißer Mann. Wie furchtbar ist das.

Du hast eine große Grazie und Weiblichkeit als Conchita.

Ich liebe Frauen. Ich vergöttere euch für eure Schönheit. Ich parodiere Frauen nicht. Ich bin fasziniert von Frauen. Ich bin wahnsinnig dankbar das erleben zu können, weil ich liebe es, Dinge besser verstehen zu können. Und ich kann Frauen jetzt besser verstehen.

Deshalb finden es Frauen wahrscheinlich auch sehr spannend mit dir zu reden, in deiner Nähe zu sein.

Ja, das haben mir Frauen auch gesagt, aufs Oberflächliche reduziert ist es ja auch spannend, weil ich einfach die schönsten Kleider dieser Welt trage. Das wirkt oberflächlich, ist es aber eigentlich gar nicht.

Du zelebrierst Weiblichkeit, während viele Frauen bei Erfolg im Beruf, dies als Nachteil ansehen.

Dass man das sagen muss, da ist man doch einfach sprachlos. Aber es wird ja besser.

In Deutschland soll es kleine Jungen geben, die fragen, ob man als Mann auch Kanzler werden kann.

Großartig. Ich liebe das.

Hast du Merkel schon einmal getroffen?

Nein. Aber das würde ich gerne. Ich hätte viele Fragen. Ich würde sie gerne fragen: "Gibt es Dinge, die man besser nicht weiß?" Und sie würde wahrscheinlich sagen: "Ja, ihr sollt nicht alles wissen".

Viele waren erschreckt, als du angedeutet hast, Conchita aufzugeben.

Ich wollte damit sagen, dass ich mich nicht einschränken möchte. Ich lerne gerne dazu und dann gibt es viele Dinge, die ich ausprobieren werde. Und dazu brauche ich keine Perücke. Aber ich habe noch viel vor mit dieser Figur, aber ich weiß, es wird der Tag kommen, an dem ich sage: „Adios, Conchita!“

Mir fällt auf Anhieb niemand ein, der mit solcher Innbrunst wie du sagt, er sei wahnsinnig gerne ein schwuler Mann?

Am Ende des Tages musst du mit dir im Reinen sein. Das ist ein sehr langer und schwieriger Prozess. Ich habe mich entschieden ganz hart daran zu arbeiten. Wenn man sich mag, hat man viel mehr Spaß am Leben und dann kann man auch sagen: „Ich bin wahnsinnig gerne schwul“.

Deine Eltern haben daran bestimmt auch ihren Anteil?

Die haben mir wahnsinnig viel gelernt, was denen gar nicht so bewusst ist. Ich würde nicht behaupten, dass mich meine Mutter dazu ermutigt hat, in einem Kleid in den Kindergarten zu gehen. Das hat sie nicht. Aber, was sie getan hat, war sehr viel wichtiger. Sie hat es mir nicht verboten. Ich durfte sein, wer ich sein wollte. Das haben sie mir beigebracht.

Und in dem kleinen Ort, dann noch in dem Gasthaus, das sie hatten, war das bestimmt nicht immer einfach.

Das war natürlich nicht einfach. Sie dachten ja auch, dass sie von der Meinung anderer abhängig sind. Allein, ob jemand zum Essen kommt oder nicht. Mittlerweile haben sie das abgelegt. Die, die kommen, sind willkommen, die, die nicht kommen, sollen bleiben wo sie sind.

Dein Vater machte sich anfangs Sorgen, ob er eventuell etwas in der Erziehung falsch gemacht habe.

Die kommen aus einem sehr konservativen Umfeld. Das sprengte alles, was sie gedacht hatten. Es war eine absolute Überforderung. Aber sie waren geduldig mit sich selbst. Es hat ein paar Wochen gedauert und dann war alles wieder klar.

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Du hast Großes vor, du kommst für Konzerte mit großem Orchester nach Deutschland.

Das ist so ein Privileg, ein Riesengeschenk, dass ich das machen darf. Ich habe zwei Konzepte , einmal mit meiner Band und einmal mit Orchester. Und es ist auch für mich spannend, wie ich mich dabei verändere. Bei den Orchester- Konzerten bin ich etwas frisierter und zurückhaltender - mit der Band geht es etwas spontaner zu.

Habt ihr Zeit miteinander zu proben?

Ja, ansonsten wäre es ein ernstzunehmendes Problem. Es ist nicht nur des Probens wegen. Es ist wichtig, dass man sich kennenlernt. Ich habe einfach wahnsinnig gerne gute Atmosphäre auf der Bühne und ich bin immer darauf bedacht, dass es zwischenmenschlich lustig ist und Spaß macht. Ich habe großen Respekt vor der Klassik und versuche mich da als „Pophäschen“ irgendwie durch zu schummeln.

Aber stapelst du da nicht ziemlich tief bei deinem Erfolg, wenn du von Schummeln sprichst. Du wirkst auf der Bühne immer so strahlend und selbstbewusst.

Es gibt Tage, da weiß ich, dass ich es kann. Aber es gibt auch Tage, da denke ich: „Hoffentlich merken sie nicht, dass ich nicht so gut bin, wie die denken, dass ich bin.“

Wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.

Ja. Wenn man Künstler ist, hat man ja eigentlich den Wahnsinn im Kopf. Und die Kunst ist, dass man anderen Menschen den Wahnsinn so erklärt, dass sie das irgendwie toll finden. Es besteht die große Chance, dass man manchmal nicht wirklich versteht, was ich eigentlich meine, mit dem, was ich tue und sage. Ich verkaufe es einfach.

Was ist da beim „Eurovision Song Contest“ passiert, dass du so viele Menschen für dich begeistern konntest?

Ich weiß schon, wie ich auf einer Bühne wirke, aber dass es dieses Ausmaß erlangen konnte, hätte ich nicht für möglich gehalten. Ich tue mich immer noch ein bisschen schwer. Ich akzeptiere die Liebe. Manchmal denke ich aber: „Warum, ich mach doch gar nichts.“

Da ist sie wieder die Vorsicht von Conchita.

Es ist so ambivalent. Wenn du von allen gemocht werden willst, vergisst man schnell sich selbst. Und deshalb, ich mache mein Glück von niemanden abhängig. Das muss ich mir auch jeden Tag vorbeten, weil man gerne in eine Opferrolle fällt. Es ist unsere eigene Entscheidung glücklich zu sein oder nicht. Eine bittere Erkenntnis, denn es bedarf wahnsinnig viel Arbeit, wenn man selber denken und gerade stehen muss für seine Entscheidungen. Aber das ist der einzige Weg, um relativ unbeschadet durchs Leben zu gehen.

Wie findest du eigentlich Lena?

Die ist so schön. Unfassbar. Immer wenn ich sie sehe, der Mund bleibt mir immer offen stehen. Ich überhäufe sie immer mit Komplimenten, bis sie dann geht. Wenn ich etwas gut finde, wenn ich mich verliebe, in welcher Form auch immer, dann kann man sich sicher sein, dass ich das kommentiere.

Obwohl du als Junge selbstbewusst warst, hat es lange gedauert, bis du deinem Bruder oder deinen Eltern gesagt hast, dass du Männer liebst.

Natürlich dachte ich, dass ich ein Fehler bin. Das wurde mir ja so vorgelebt. Es hat gedauert, bis ich verstanden habe, dass nicht ich das Problem bin, sondern die Ansichten der Gesellschaft. Natürlich wollte ich das nicht, mich immer wieder erklären zu müssen. Deshalb habe ich das nicht gleich verlautbart.

Du denkst viel über dich nach?

Ja! Ich beschäftige mich wahnsinnig gerne mit mir. - Lacht laut - Man selbst ist die Person, mit der man am meisten Zeit verbringt. Und es wäre total nett, wenn man sich gerne hat, sonst wird es echt anstrengend. Wir jammern alle viel zu viel. Das Leben könnte so einfach sein, wenn man einfach weniger jammert.

Warum ist Zusammenleben mir dir so anstrengend? Du klingst doch recht vernünftig.

Ich mutiere. Ich bin himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Wenn ich mich verliebe, dann habe ich so viel Liebe, das kann erdrücken.

Du brauchst Platz in der Beziehung.

Ja, ich brauche viel Platz. Ich kann wahnsinnig anstrengend sein.

Aber es gibt Männer, die das aushalten?

Ja, ich hatte wunderschöne Beziehungen. Alles gut.

Hast du schon immer so schön gesungen?

Es ist ja so, die Damen im Kindergarten haben oft keine guten Stimmen. Und spielen auch nicht so gut Gitarre. Und so singen die Kinder und so sang ich auch. Dann habe ich zum ersten Mal Celine Dion gehört und habe versucht zu singen wie sie. Und durch: „Ich tu mal so als ob“ hat es angefangen. Vielleicht tu ich ja noch heute so als ob.

Danke für das inspirierende Gespräch

Gerne- hat mir Spaß gemacht.

Podcast

Conchita: Ich schummele mich als Pop-Häschen durch

Silvia am Sonntag
am 15. Oktober

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Conchita über den Eurovision Song Contest, warum ihre Eltern sie stark gemacht haben, Singen mit großem Orchester und warum sie als Kind Tischtuch und Blumen mit in die Schule nahm.

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