Offener Brief von OB Spies - Marburg: Warnung vor Biontech-Schließung
Wenn Marburgs Oberbürgermeister recht behält, steht für Europa im Ernstfall mehr auf dem Spiel als nur Arbeitsplätze: Nach dem geplatzten Verkauf des Biontech-Werks schlägt er Alarm - es gehe um den Schutz vor der nächsten Pandemie.
Biontech hatte Ende September mitgeteilt, keinen Käufer für seinen Produktionsstandort in Marburg gefunden zu haben. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies hat sich daraufhin in einem offenen Brief an Bund und Land gewandt. Er fordert kurzfristig verlässliche Rahmenbedingungen, um Produktionskapazitäten und Fachwissen zu sichern.
„Nicht nur für unsere Region von Bedeutung“
„Das Marburger Werk und der gesamte Pharmastandort sind nicht nur für unsere Region von Bedeutung“, sagt Spies. Der Standort gelte als größte und wichtigste mRNA-Produktionsstätte Europas. Hier seien während der Corona-Pandemie in kürzester Zeit Impfstoffe entstanden, die weltweit Menschenleben gerettet hätten.
„Millionen Menschenleben in Gefahr“
„Nicht mehr und nicht weniger als Millionen Menschenleben können in Gefahr geraten, wenn die aufgebauten Strukturen verloren gehen“, warnt der OB. Biontech hatte das frühere Novartis-Werk 2020 übernommen und binnen Monaten auf mRNA-Impfstoffproduktion umgerüstet. Ein Erfolgsfaktor dabei: die erfahrenen Fachkräfte vor Ort.
Marburg mit besonderen Voraussetzungen
Marburg biete mit der Philipps-Universität, ihrem BSL-4-Hochsicherheitslabor und einem gewachsenen Pharma-Netzwerk ideale Voraussetzungen für die Pandemievorsorge, so Spies. Forschung, Entwicklung und Produktion seien hier auf kurzen Wegen miteinander verbunden.
„Prävention findet statt, bevor das Problem auf dem Tisch liegt“
„Pandemic Preparedness darf nicht erst beginnen, wenn die nächste Pandemie bereits da ist“, so Spies. „Solche Strukturen lassen sich im Ernstfall nicht innerhalb weniger Wochen neu aufbauen.“ Deutschland und Europa müssten im Krisenfall unabhängig und schnell handeln können.
„Dürfen nicht von China oder Trump abhängig sein“
„Wir wissen nicht, wann die nächste Pandemie kommt. Aber wir wissen, dass sie kommt“, so Spies. „Wenn es soweit ist, müssen wir in Europa handlungsfähig sein und dürfen nicht von China oder Donald Trump abhängig sein.“
Werksschließung schon für 2028 angekündigt
Laut bisherigen Unternehmensangaben soll das Marburger Werk Anfang 2028 schließen. Rund 540 Beschäftigte wären betroffen. Ob der Appell aus dem Rathaus bei Bund und Land Gehör findet, zeigt sich in den kommenden Wochen.