Traditions-Aus nach 100 Jahren - Warum das Gießener Kinocenter schließt
In den Gängen hängen Plakate aus über einem Jahrhundert Kinogeschichte. Die vier Säle sind mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Doch bald bleibt die Leinwand im Gießener Kinocenter dunkel. Zum Jahresende schließt das Haus nach mehr als 100 Jahren seine Türen.
HIT RADIO FFH hat exklusiv mit Betriebsleiter Martin Otto gesprochen - über die Gründe für die Schließung, seine Verbundenheit mit dem Kino und warum er für die Kultur in Gießen trotzdem Hoffnung hat.
Was hinter der Schließung steckt
Otto leitet das Haus seit 2015, insgesamt arbeitet er seit fast 20 Jahren dort. Die Gründe für das Aus seien vielschichtig, erklärt er: "Es geht darum, dass unser Pachtvertrag nicht verlängert wird, dass es Vorgaben der Stadt bezüglich Brandschutz gibt, die schwierig umzusetzen wären, vor allen Dingen mit extrem hohem finanziellen Aufwand."
Viele Kultureinrichtungen haben es schwer
Hinzu komme, dass sich der Betrieb wirtschaftlich kaum noch trug - Besucher blieben aus, berichtet Otto: "Wir haben tatsächlich nach Corona das Problem gehabt, dass ein Großteil der ehemaligen Stammbesucher nicht mehr den Weg zurückgefunden haben." Dieses Phänomen betreffe längst nicht nur sein Kino, sondern viele Kultureinrichtungen. In Kombination mit den notwendigen Sanierungskosten gebe es so keine Zukunft für das Traditions-Haus.
Einzigartige Film-Veranstaltungen im Kinocenter
Als Programmkino zeigt das Kinocenter seit Jahren gezielt Filme abseits der großen Blockbuster, dazu Originalversionen mit Untertiteln, Filmgespräche mit Regisseuren und kuratierte Filmreihen. Genau dieses besondere Angebot wird vielen Gießenerinnen und Gießenern künftig fehlen.
Ein Stück Stadtgeschichte verschwindet
Eröffnet wurde das Haus 1912 als Lichtspielhaus, es überstand zwei Weltkriege und wuchs von einem einzigen Saal mit über 1.000 Plätzen zu den heutigen vier Sälen. Viele Menschen aus Gießen und Umgebung haben hier ihren ersten Kinobesuch erlebt. Für Otto persönlich ist die Schließung mehr als nur das Ende eines Arbeitsplatzes: "Ich habe hier fast mein halbes Leben verbracht, um ehrlich zu sein", sagt er.
Wehmut vor dem Abschied
Angefangen hat er während seines Studiums als Kartenabreißer, hier habe er auch seine eigene Liebe zum Kino entdeckt. Besonders schwer wiegt für ihn der Gedanke an die letzte Vorstellung: “Das macht dann schon was mit einem, wenn man merkt, man hat das letzte Team und wird hier die letzte Vorstellung begleiten dürfen, müssen.”
Petition kommt zu spät
Mehr als 3.000 Menschen haben eine Petition für den Erhalt des Programmkinos unterschrieben - die Schließung verhindern kann das aber nicht mehr. Das marode Gebäude soll abgerissen werden und stattdessen Wohnbebauung auf dem Gelände entstehen - diesmal endgültig. Schon mehrfach hatte es in den vergangenen Jahren Schließungspläne gegeben, die damals aber noch abgewendet werden konnten.
“Man hat hier nicht viel falsch gemacht”
Trotzdem tue die Unterstützung auch jetzt gut, sagt Otto. Sie gebe ihm das Gefühl, "man hat hier nicht so viel falsch gemacht". Etwas wehmütig fügt er hinzu, vielleicht hätten einfach "zwei, drei Gießener einmal im Jahr mehr ins Kino gehen müssen. Dann hätte man vielleicht nochmal eine andere Perspektive schaffen können."
Hoffnung für die Kultur in der Stadt
Ganz ohne Hoffnung blickt Otto trotzdem nach vorn. "In Gießen gibt es viele Menschen, die sich für Kultur engagieren. Von daher wird es weiter spannende Angebote geben, nur dann eben an anderen Orten"." Er geht außerdem davon aus, dass Kollegen im nahegelegenen Kinopolis Gießen einzelne Programmpunkte weiterführen werden.
Kino ist wichtig für die Gesellschaft
Grundsätzlich treibt ihn aber eine größere Sorge um: "Ich finde es grundsätzlich fatal, wenn Kulturorte, wo Menschen zusammenkommen, verschwinden", sagt er. Dass das Kino als Ort und Medium weiterlebt, davon ist er trotzdem überzeugt: "Im Kino hat man quasi den Schmelztiegel der Gesellschaft. Alle kommen zusammen."