Nach über 430 Jahren Tradition - Bäckerei Breithaupt in Darmstadt schließt
Sie ist die zweitälteste Bäckerei in Deutschland: Nach über 430 Jahren Brot, Brötchen und Kuchen machen die Breithaupts ihre Backstube in Darmstadt dicht. Inhaberin Bettina Breithaupt gibt HIT RADIO FFH ein exklusives Interview.
Am 26. Juni werden die letzten Brote verkauft, ehe die Öfen für immer abgeschaltet werden.
Bäckerei Breithaupt macht nach über 430 Jahren dicht
Bettina Breithaupt wird in diesem Jahr 60 Jahre alt. 435 Jahre zuvor wurden ihre Ahnen erstmals als Bäcker erwähnt - damals im Schwarzwald. Jetzt steht die Bäckerei unmittelbar vor dem Aus. Die Entscheidung fällte Breithaupt bereits im Herbst 2025.
Deshalb schließt Deutschlands zweitältester Bäcker in Darmstadt
Die Gründe für die Schließung sind vielfältig: Seit drei Jahren leitet Bettina Breithaupt das Unternehmen allein. Ihr Sohn war zwischenzeitlich Teil des Familienbetriebs, trat später aber wieder aus. Auch ihre Tochter hat “andere Möglichkeiten in Betracht gezogen”, wie sie sagt und jemand Externes sei von vornherein nicht in Frage gekommen. Es sei das Know-How der Breithaupts, deswegen werde die Bäckerei mit der Familie geschlossen "und es wird kein anderer in diese Räume reindürfen.”
Preissteigerungen belasten Bäcker Breithaupt
Dazu kommt: Die Kosten wachsen ihr allmählich über den Kopf, berichtet die Geschäftsführerin exklusiv am FFH-Mikrofon. Extrem gestiegene Lohnnebenkosten und Preissteigerungen bei den Rohstoffen könne sie nicht einfach an die Kunden weitergeben. Dazu kommt der steigende Mindestlohn, den sie zukünftig nicht mehr hätte zahlen können, prognostiziert sie.
Nicht zuletzt sorgen die gestiegenen Energiekosten für eine große Belastung: “Allein wenn Sie den Ofen anmachen, sind schon 100 Euro weg. Ich denke, dass es auch nicht weniger wird in den nächsten Jahren, dass es immer mehr steigt”, erzählt die 59-Jährige.
Bäckerei blickt auf über 430 Jahre Familiengeschichte zurück
1591 wurden Breithaupts Vorfahren erstmals mit ihrem “Beckh vom Elsin-Gut” erwähnt. Hannsz Fichter begann damals in Schramberg, gut 100 Kilometer von der heutigen deutsch-französischen Grenze entfernt, zu backen. Der älteste noch bestehende Bäckereibetrieb Deutschlands befindet sich mehreren Medien zufolge im bayerischen Kemnath und ist nur gut 18 Jahre älter als die Bäckerei Breithaupt.
Nach ihrer Gründung trug die Backstube über zwölf Generationen den Namen “Fichter”, ehe Simon Breithaupt 1901 in die Familie einheiratete. In den 1930er-Jahren zog der Betrieb nach Darmstadt. Nachdem die Bäckerei in der Darmstädter Brandnacht vom 11. auf den 12. September 1944 vollkommen zerstört wurde und Bettina Breithaupts Vater Oskar aus dem Krieg zurückkehrte, startete man 1948 wieder mit dem Bäckereibetrieb - noch unter freiem Himmel. Acht Jahre später stand die Backstube in Bessungen wieder.
Ende Juni ist Schluss
Erst 2024 hatten die Breithaupts - damals noch mit Sohn Oliver im Team - eine neue Filiale in Griesheim eröffnet: Ihre Sechste. Mittlerweile ist sie die Einzige, die neben dem Hauptstandort in der Karlstraße in Darmstadt-Bessungen noch geöffnet ist. Doch am 26. Juni wird auch an den letzten beiden Geschäften Schluss sein.
“Zusammengehörigkeit hat uns ausgemacht”
Das Besondere an der Bäckerei Breithaupt sei die Familie gewesen, die sich nicht nur auf Oma, Opa, Uroma und Uropa beschränkt habe. “Die Zusammengehörigkeit von den Mitarbeitern und von uns als Geschäftsinhaber, das hat uns ausgemacht”, resümiert die Bäckerin, die ihre Arbeitszeit heute meist im Büro verbringt.
“Die Leute sind die Besten”
Auch Ellen Wolf, die die Hauptfiliale in Bessungen leitet und rund 15 Jahre für die Familie arbeitet, sieht das so: Die Bäckerei Breithaupt sei “die beste auf der Welt. Die Leute sind die Besten.” Das sehe man gerade jetzt, wo es zum Schluss hingeht. Es treibt ihr die Tränen in die Augen, als sie sagt, dass es besonders der Zusammenhalt im Team ist, der die Bäckerei ausmacht - “weil es eine Familie ist."
Ihr Beruf sei nicht irgendein Job, sagt Wolf. “Das ist etwas, das du mit Herz und Liebe machen musst. […] Wenn man gerne nachts um ein Uhr aufsteht und gerne zur Arbeit geht - Wo hat man das?” Es sei schade, dass das jetzt kaputtgeht.
Kunden bunkern Brote vor Bäckerei-Aus
Ihre Kunden seien ihr immer treu geblieben, berichtet Bettina Breithaupt. Viele Kunden hätten über 30 oder 40 Jahre ihre Backwaren bei den Breithaupts gekauft. Einige hätten “jetzt schon mehrere Brote mitgenommen, um sie einzufrieren und fragen, wann es das letzte Mal das Brot gibt", um sich auf das Breithaupt-Aus vorzubereiten.
Auch für Filialleiterin Wolf sind die Kunden eine wichtige Stütze. Zwar kämen immer wieder auch Menschen in den Laden, die man nie wieder sehe. Aber es gebe auch viele Stammkunden. “Auch das ist eine Familie."
Kunden trauern Breithaupt hinterher
Die Bäckerei Breithaupt war in Darmstadt auch als Nachtbäckerei bekannt. “Nach unserer Afterwork-Party sind wir immer hierher gekommen”, berichtet eine Kundin vor dem Geschäft. “Da wurden wir mit einem Lächeln aufgenommen und haben unsere Käse-Speck-Stange bekommen und unser Schokocroissant nachts um vier. Das wird uns sehr fehlen."
Ein anderer Kunde fühlt sich zurückversetzt: “Ich bin jetzt 29 Jahre alt und das ist ein Stück Kindheit, das jetzt wegfällt." “Ich gebe lieber einen Euro mehr aus für gescheites Brot als dieses ‘Zeugs’ aus dem Supermarkt”, sagt ein anderer Mann am FFH-Mikrofon.
Darmstädter legen Wert auf Bäckerhandwerk
Ein Highlight sei für Bettina Breithaupt bis zum Ende der Sonntag gewesen. Viele Familien mit Kindern würden Wert auf das Sonntagsfrühstück legen, beim Bäcker nicht aufs Geld schauen und sich freuen, frische Brötchen zu kaufen. Bettina Breithaupts ganz persönliches Highlight: Die Brötchensorte “Schweizer Börli” - obwohl sie eigentlich alles gerne mag, was die Breithaupt-Filialen bis zuletzt im Sortiment führen.
Familie und Mitarbeiter stehen hinter Entscheidung
Die Entscheidung fiel ihr sichtlich schwer. “Ich bin zutiefst traurig”, sagt sie, bevor ihr die Stimme wegbricht. Ihre Eltern und die Beschäftigten würden aber hinter ihr stehen. Die 41 Mitarbeiter seien gern zum Arbeiten gekommen. Das merke sie jetzt besonders, nachdem sie ihr Team auf zwölf Mitglieder verkleinern musste: “Die sind sehr, sehr traurig.”
Sie selbst leidet unter der Schließung. Um drei Uhr morgens ist ihre Nacht vorbei, erzählt die Geschäftsführerin. Nicht aber, weil sie als Bäckerin das frühe Aufstehen gewöhnt ist. “Ich kann nicht mehr weiterschlafen, weil das Gedankenkarussell beginnt und wir auch sehr, sehr traurig sind alle zusammen”, sagt sie. Spätestens um halb fünf sei sie dann im Büro und beginne, ihre Arbeit zu erledigen.
Privat soll weitergebacken werden
Wo bekommt eine Bäckerin ihr Brot her, wenn sie nicht mehr backt? Bettina Breithaupt hofft, dass ihr Mann weiterbackt - “dass wir den Geschmack wieder haben, den wir jahrzehntelang gewohnt sind." Eine gute Nachricht für alle Freunde der Familie: “Mein Mann wird bestimmt eine größere Menge herstellen, dass vielleicht der eine oder andere auch noch in den Geschmack kommt."