Bundestrainer über WM-Kader - Nagelsmann kündigt Überraschungen an
Qualität, Charakter und die Freude über den Tor-Erfolg: Bundestrainer Nagelsmann erklärt, wie er seinen Kader für die WM bastelt. Einem Bayern-Reservisten winkt eine große Rolle.
Bundestrainer Julian Nagelsmann plant für die Fußball-WM im Sommer überraschende Kader-Entscheidungen und achtet dabei nicht nur auf Leistungsdaten und Statistiken. Ein Bayern-Profi, der im Topspiel gegen den BVB nur wenige Minuten auf dem Feld stand, darf sich etwa auf eine große Rolle beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada einstellen.
"Stand jetzt wird Leon Goretzka, trotz weniger Spielzeit bei Bayern, gute Chancen haben, zu spielen und eine ähnliche Rolle zu haben wie in der WM-Quali", sagte Nagelsmann im "Kicker"-Interview. Der 31-Jährige, der München im Sommer verlässt, war unter Trainer Vincent Kompany zuletzt häufiger nur Reservist.
Der Bundestrainer sieht in Goretzka aber eine gute Besetzung als offensiven Part auf der Doppelsechs, "einen richtig stabilen, zweikampfstarken Sechser". "Weil er einer ist, der auch in den Sechzehner geht, der kopfballstark ist und eine gute Wucht mitbringt." Dieses Profil hätten sie beim DFB sonst kaum, sondern eher ähnliche Spielertypen, wie Nagelsmann erklärte: "Pascal Groß, Angelo Stiller, Pavlovic, Nmecha, selbst Robert Andrich – die wollen alle den Ball."
Nagelsmann kündigt Pläne an, die auf Unverständnis stoßen könnten
Überhaupt kündigte der Bundestrainer ähnlich wie vor der Heim-EM 2024 für die Besetzung bestimmter Rollenbilder Überraschungen im WM-Kader an. "Es geht darum, wer zusammenpasst. Dabei wird es Entscheidungen geben, das kann ich jetzt schon verraten, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen. Nicht beim Spieler, aber auch nicht in der breiten Öffentlichkeit", sagte Nagelsmann.
"Du musst extrem darauf achten, wie ein Spieler damit umgeht, wenn er bei uns Kaderplatz 15 oder 16 ist, obwohl er bei seinem Verein als Top-6-Mann gilt, der immer spielt. Kann ein Spieler, der im Verein Stammspieler ist, bei uns in solch eine Rolle wachsen oder nicht?" Das herauszufinden, sei natürlich sehr schwer, erklärte der Bundestrainer. "Aber wir haben viel Erfahrungswissen aus den Lehrgängen im vergangenen Jahr."
"Gewisse Charakterzüge", die nicht hilfreich sind für Kaderplatz 15
"Du hast eben gewisse Charakterzüge und gewisse Charaktermerkmale, die dir dazu verhelfen, ein guter Stammspieler zu sein, der eine Mannschaft führt, die dir aber eben nicht helfen, Kaderplatz 15 oder 16 zu sein."
Als Baustellen macht Nagelsmann die Mittelstürmer-Position und die linke Innenverteidigung aus. Niclas Füllkrug vom AC Mailand "war lange Zeit raus, spielt jetzt immer mal 20, mal 30 Minuten, hat aber aktuell leider keine Quote und wenig Spielzeit", sagte der Trainer über den Angreifer. Tim Kleindienst (Mönchengladbach) sei seit langem verletzt. "Bei ihm steht auch in den Sternen, wie er zurückkommt."
In der inneren Abwehr sei Nico Schlotterbeck vom BVB der einzige Linksfuß. "Schlotti ist ein unfassbar wichtiger Spieler. Trotzdem müssen wir uns darauf vorbereiten, was passiert, wenn er mal nicht spielen kann", sagte der Bundestrainer.
Ende März spielt die DFB-Elf zwei Testspiele gegen die Schweiz und Ghana. Dann will Nagelsmann die Rollengespräche für das Turnier im Sommer schon führen. "Der Kader wird dem, mit dem wir zur WM reisen wollen, schon sehr ähneln", sagte der 38-Jährige.
Nagelsmann: "...dann kannst du Fußball eigentlich seinlassen"
Bei seinen Bewertungen schaut er sogar auch auf das Jubelverhalten der Spieler. "Wenn ich sehe, ein Spieler schießt ein Tor und jubelt nicht richtig, dann ist das für mich ein Marker, dass da irgendwas nicht stimmt", sagte er. "Wenn ich so etwas bei einem Spieler von uns feststelle, notiere ich es."
Die Erklärung des 38-Jährigen: "Wenn du dich über ein Tor nicht mal mehr richtig freust, dann kannst du Fußball eigentlich seinlassen, weil das das Salz in der Suppe ist." Er vermisse in einem normalen Bundesliga-Spiel "so ein bisschen die Emotionalität bei den sogenannten einfachen Siegen oder einfachen Toren". Ein positives Beispiel seien für ihn in der Hinsicht die Olympischen Winterspiele gewesen. Die Emotionalität dort finde er herausragend, sagte Nagelsmann.