Fußball-Nationalmannschaft - DFB-Elf verliert Elfer-Krimi - Nagelsmann will bleiben
Die Fußball-Nationalmannschaft scheidet im WM-Sechzehntelfinale aus. Gegen Paraguay wird gekämpft, gezittert und gelitten. Im Elfmeterschießen kommt der bittere K.o.
Kapitän Joshua Kimmich blickte nach dem nächsten WM-Debakel ins Leere, die Köpfe gingen nach unten bei den Verlierern von Foxborough. Nach wenigen Minuten trotteten die deutschen Fußballer zu ihren wieder mal maßlos enttäuschten Fans in die Kurve - und direkt darauf in die Stadionkatakomben. Die Enttäuschung saß tief nach dem frühen Aus im Sechzehntelfinale.
Nach den bitteren Elfmeter-Fehlschüssen von Jonathan Tah, Nick Woltemade und Kai Havertz liegt Fußball-Deutschland wieder gedemütigt am Boden - und Julian Nagelsmann ist als Bundestrainer gescheitert. Nach einem lange viel zu ideenlosen und dann glücklosen Auftritt hat sich die Nationalmannschaft den Defensivexperten aus Paraguay im Nervenkrimi geschlagen geben müssen.
Gefragt nach seiner Zukunft sagte Nagelsmann bei MagentaTV: "Nee, habe ich ja nicht in der eigenen Hand. Ich stehe bereit, wenn man das möchte. Und wenn man das nicht möchte, muss man mir das sagen." Die Enttäuschung sei "extrem groß", er stehe aber weiter zur Verfügung, erklärte er auch im ZDF.
Havertz: "Meine zweite WM, zweimal reingeschissen"
"Es gibt nicht viel zu sagen, mir fehlen auch bisschen die Worte. Meine zweite WM, zweimal reingeschissen", sagte Havertz im ZDF. "Die letzten Turniere waren nix. Das Einzige, was ich sagen kann: Entschuldigung. Wir sind natürlich auch alle enttäuscht." Das Team habe sich viel vorgenommen, ergänzte der DFB-Stürmer mit monotoner Stimme: "Jetzt wieder zu enttäuschen, ist natürlich kein schönes Gefühl."
Das erste WM-K.-o.-Spiel seit den goldenen Tagen von Rio 2014 bleibt vorerst das letzte. Wie 2018 und 2022 fliegt die DFB-Elf nach dem 3:4 im Elfmeterschießen des Sechzehntelfinales als Verlierer nach Hause, wenn die besten 16 Mannschaften der Welt um den Titel spielen. Ein parierter Elfer von Torwart Manuel Neuer und ein verschossener von Paraguays Antonio Sanabria waren zu wenig, weil Havertz und Woltemade an Paraguays Held Orlando Gill scheiterten. Tah schoss drüber.
Nagelsmann zum nicht gegebenen Tor: "Ein Voll-Skandal"
Havertz (54. Minute) hatte mit seinem dritten WM-Treffer die Paraguay-Führung von Julio Enciso (42.) vor 63.945 Zuschauern noch ausgleichen können. Doch der Siegtreffer wollte weder in der regulären Spielzeit noch in der Verlängerung gelingen. Ein Tor von Tah (102.) wurde vom VAR einkassiert. Eine sehr diskutable Entscheidung. "Ein Voll-Skandal", klagte Nagelsmann. Die erste Niederlage im Elfmeterschießen in der deutschen WM-Geschichte war der finale Nackenschlag.
Kimmich bleibt ungekrönt
Zur tragischen Figur wurde neben den Fehlschützen wieder einmal Kimmich. Der Kapitän ackerte und rannte, aber muss nun auch bei seiner dritten WM lange vor dem Finale in den Urlaub gehen. Von der XXL-WM wird das 7:1 zum Auftakt in schöner Erinnerung bleiben - gegen Curaçao. Keinen anderen Gegner konnte man dominieren. Die bittere Wahrheit: In dieser Verfassung wäre die DFB-Elf gegen wirkliche Titelkandidaten wie Frankreich, Argentinien oder Spanien wohl chancenlos gewesen.Für den viel besungene Party-Zug war in Foxborough Endstation - ausgerechnet dort, wo Nagelsmann im Oktober 2023 seine ersten Trainingseinheiten als Bundestrainer geleitet hatte. 2018 und 2022 blieben Joachim Löw und Hansi Flick nach den WM-Enttäuschungen im Amt - Argumente für die Fortsetzung seiner Arbeit hat er nicht. Der potenzielle Nachfolger Jürgen Klopp war als TV-Experte schon im Stadion und analysierte das Geschehen auf dem Rasen aus messerscharf aus Trainersicht.
Nagelsmanns Wunsch: "Drecksack-Mentalität"
"Drecksack-Mentalität", hatte Nagelsmann vorab im ZDF von seiner Elf gefordert. Doch davon war lange nichts zu sehen. Zu brav, zu passiv startete die DFB-Elf in das wichtigste Spiel seit der Heim-EM. Auch der von vielen Experten und Fans herbeigesehnte erste Startelf-Einsatz von Deniz Undav zeigte keine Wirkung. Der Top-Joker fand nichts ins Spiel.
Völler über Undav: "Die Nation wollte es ja schon relativ lange"
"Die Nation wollte es ja schon relativ lange, jetzt ist er drin", sagte Völler vor der Partie bei MagentaTV. "Wir wollen ein bisschen mehr Präsenz haben im gegnerischen Sechzehner", erklärte Nagelsmann die Hereinnahme, durch die Jamal Musiala auf die Bank musste.
Weitere Überraschungen gab's nicht: Nathaniel Brown kehrte nach seinen Adduktorenproblemen wie erwartet auf die linke Verteidigerposition zurück. Der Frankfurter ersetzte David Raum. Die Debatte um die ideale Position von Kapitän Joshua Kimmich beantwortete Nagelsmann, indem er den Münchner erneut als rechten Verteidiger aufbot.
"Paraguay kommt mit viel Willen, da müssen wir von Anfang an da sein und unsere Aufgaben gut machen", skizzierte Wirtz den Siegplan, der schon nach etwas über einer Minute fast durchkreuzt worden wäre. Nach einem Eckstoß rettete DFB-Torwart Manuel Neuer gegen Júnior Alonso.
Bei knapp über 30 Grad auf dem Rasen taten sich die Deutschen gegen Paraguays enge Defensivketten vor allem in Hälfte eins extrem schwer. Die fußballerisch limitierten Südamerikaner verdichteten auch ohne den angeschlagenen Ex-Herthaner Omar Alderete in der Abwehr geschickt die Räume.
Undav und Havertz ohne Aktionen vor der Pause
Die von Undav und Havertz gebildete Doppelspitze blieb völlig stumpf, auf den offensiven Außenbahnen kamen Leroy Sané und Wirtz entweder nicht durch oder erschwerten durch Stockfehler und leichte Ballverluste die Mission zusätzlich. Es fehlte trotz extremer Dominanz und 244:31 Pässen nach 35 Minuten an vielem: Raffinesse, Tiefenläufe, Tempo, Spielfreude. Die einzig halbwegs nennenswerte Möglichkeit vor der Pause hatte Felix Nmecha mit einem abgefälschten Schuss.
Das DFB-Team navigierte wie ein schwerer Tanker - und geriet kurz vor der Pause in höchste Not. Enciso wuchtete eine scharf getretene Flanke von Matías Galarza per Kopf ins Tor. Nicht im Bilde: die deutsche Abwehr, die den Torschützen völlig aus den Augen verloren hatte.
Klopp-Kritik: "Einfach schlecht verteidigt"
"Tore fallen meistens nach Fehlern, hier wurden acht gemacht. Das wurde einfach schlecht verteidigt", ätzte Jürgen Klopp als Experte bei MagentaTV über das in der Tat viel zu einfache Gegentor. "Wir sind zu statisch. Undav nicht im Spiel, Nmecha nicht im Spiel. Bis Leroy den Ball hat, stehen drei Leute vor ihm", mäkelte er weiter.
Als Schiedsrichter Jalal Jayed aus Marokko, der die DFB-Elf bereits beim 7:1 gegen Curaçao gepfiffen hatte, zur Halbzeit blies, rannte Nagelsmann in die Kabine. Der 38-Jährige hatte es eilig, seine Spieler neu ein- und aufzustellen: Für Nmecha kam Leon Goretzka zu seinem dritten Einsatz bei dieser WM.
Havertz trifft, Undav muss runter
Gedanklich frischer waren zunächst die Paraguayer. Einen zu kurzen Kimmich-Rückpass hätte 1:0-Torschütze Enciso aus spitzem Winkel fast zum 2:0 verwertet, doch Neuer parierte - und das DFB-Team war kurz danach wieder voll im Spiel, als Havertz eine scharfe Wirtz-Flanke per Kopf ins Tor verlängerte.
Nagelsmann ballte die Faust, sein Team wollte nachlegen. Schüsse von Goretzka und Pavlovic blockte die nun stärker geforderte Defensive der Südamerikaner. Es blieb aber ein Geduldsspiel, an dem nach etwas über einer Stunde auch Musiala teilnehmen durfte. Undav musste runter.
Mehr als Havertz' Kopfballchance (78.), pariert von Gill, gab's in der Schlussphase nicht. Dafür schickte Nagelsmann noch Waldemar Anton und Woltemade für Aleksandar Pavlovic und Sané auf den Platz, Kimmich rückte auf die Sechser-Position.
Ex-Schiri Kinhöfer: "Absolut nicht nachvollziehbar"
Hektisch wurde es in der Verlängerung, als Tah einköpfte, Schiedsrichter Jayed den Treffer aber zurücknahm, weil Anton nach Jayeds Meinung Torhüter Gill zu stark bedrängte. "Absolut nicht nachvollziehbar", kommentierte ZDF-Schiedsrichter-Experte Thorsten Kinhöfer. Anton hatte dann selbst das 2:1 aus Nahdistanz auf dem Kopf (119.), Gill hielt den Ball aber sogar fest. Das Elfmeterschießen musste her - mit dem besseren Ausgang für Paraguay.