Hessens Zehnkampf-Shootingstar - Amadeus Gräber baut sogar 66kg Couchtisch
Ein 66-Kilo-Couchtisch, gebaut aus Terrassenplatten und Montagekleber - so tickt der Mann, der gerade zum deutschen Zehnkampf-Shootingstar aufgestiegen ist. Amadeus Gräber, 21 Jahre alt und für Eintracht Frankfurt am Start, hat FFH-Sportchefin Sonja Pahl für den aktuellen “FFH Sporttalk” in seine eigenen vier Wände gelassen - und dabei nicht nur über Sport gesprochen.
Handwerker-Gene vom eigenen Papa
Den schweren Steincouchtisch im Wohnzimmer hat Gräber komplett selbst gebaut, weil ihm die Variante aus dem Internet mit rund 1200 Euro zu teuer war. Das handwerkliche Geschick hat er sich von seinem Vater abgeschaut, der früher die gemeinsame Wohnung inklusive Estrich und Fliesen komplett selbst renoviert hat. "Das habe ich von meinem Papa", sagt Gräber im Podcast über sein Talent fürs Selbermachen - der Tisch bringt 66 Kilo auf die Waage.
Vom aussortierten Sprinter zum Zehnkampf-Talent
Dass Gräber heute in der Weltspitze mitmischt, war nicht immer absehbar. Als Kind war er einer der schnellsten Sprinter Deutschlands, wuchs dann aber deutlich später als viele Altersgenossen - ein herber Nachteil im Nachwuchsbereich. Weil er nebenbei aber immer alles ausprobierte, landete er schließlich beim damaligen Neunkampf und lernte extra dafür Stabhochsprung - eine Entscheidung, die sich laut Gräber ausgezahlt hat.
Ein Traumjahr mit Götzis, EM und ISTAF
2026 war für den jungen Athleten ein Ausnahmejahr mit gleich drei Höhepunkten: dem Meeting in Götzis, der Leichtathletik-EM und dem ISTAF in Berlin. Bei seinem Zehnkampf-Debüt in Götzis sammelte der Eintrachtler insgesamt 8.345 Punkte, belegte einen hervorragenden neunten Platz im Weltklassefeld und übertraf zugleich die Norm für die Europameisterschaften 2026 in Birmingham. Bei der EM in Birmingham beendete Gräber die 1.500 Meter mit 4:34,25 Minuten und belegte bei seiner Premiere auf internationaler Bühne Rang acht mit 8.162 Punkten. Im Podcast sagt er dazu, er habe vorher gehofft, aber nicht wirklich damit gerechnet.
Kumpel statt Konkurrenten: Neugebauer und Kaul
Besonders berührt hat Gräber das Miteinander mit den etablierten deutschen Zehnkämpfern Leo Neugebauer und Niklas Kaul, die bei der EM in Birmingham den ersten deutschen Zehnkampf-Doppelsieg bei Europameisterschaften seit fast 60 Jahren perfekt machten. Die beiden Weltmeister hätten sich ihm gegenüber nie überlegen gegeben, sondern seien "eher Gleichgesinnte" gewesen, erzählt Gräber. Besonders lustig sei der gegenseitige Schlagabtausch vor dem abschließenden 1.500-Meter-Staffellauf gewesen - am Ende kam Neugebauer vor Gräber und Kaul ins Ziel.
Die letzte Qual: 1.500 Meter
Die 1.500 Meter als Abschlussdisziplin gelten unter Zehnkämpfern als besonders hart. "Man darf auf keinen Fall darüber nachdenken, dass man erst mal fast zwei Runden läuft", erklärt Gräber seine mentale Taktik. Stattdessen sucht er sich Fixpunkte auf der Strecke und rechnet sich unterwegs seine Zwischenzeiten aus, um die Distanz gedanklich kleinzuhalten - die letzte Runde zähle für ihn ohnehin nicht mehr richtig.
Zwei Tage, kaum Schlaf
Ein Zehnkampf zieht sich über zwei komplette Tage - und lässt kaum Raum für Erholung dazwischen. Bei der EM in Birmingham gab es zwar eine lange Pause mit Matratzen zum Schlafen zwischen den Sessions, dennoch kommt Gräber nach späten Läufen, Interviews und Physiotherapie manchmal erst um halb zwei Uhr nachts ins Bett - nur um am nächsten Morgen teilweise schon um acht Uhr wieder anzutreten.
Chaos beim Stabhochsprung bei der EM
Auch das Stabhochsprung-Wirrwarr bei der EM in Birmingham blieb Gräber nicht erspart: Auf einer der beiden Anlagen war die Latte bei den ersten Versuchen über 4,80 m nicht in der richtigen Höhe aufgelegt worden, sondern erneut bei 4,70 m. Sieben Springer, welche die "falschen" 4,80 m schon überquert hatten, mussten noch einmal antreten, darunter der führende Weltmeister Neugebauer und Gräber. Nach den zeitraubenden Diskussionen war laut Gräber die Energie aufgebraucht, sodass am Ende 5,10 Meter für ihn standen: “ Aber es war auch schon cool, weil ich bei 5,10 Meter der Letzte im Wettbewerb war und alle im Stadion auf mich geguckt haben.”
Elf Paar Schuhe und Stäbe auf Reisen
Zur Ausrüstung eines Zehnkämpfers gehört mehr, als man denkt: Allein an Laufschuhen hat Gräber rund elf Paar dabei, dazu kommen Ersatzschuhe für den Notfall sowie ein eigener Koffer nur für Schuhe. Die Stabhochsprung-Stäbe reisen je nach Wettkampfort unterschiedlich - innerhalb Europas meist mit dem Auto, das seine Eltern steuern, bei internationalen Meisterschaften auch schon mal im Flugzeug über Umwege nach Lima.
Trinkmahlzeiten im Wettkampf, Gummibärchen danach
Während des Wettkampfs greift Gräber vor allem auf Trinkmahlzeiten, Apfelmus und Gummibärchen zurück, weil im Zehnkampf schlicht keine Zeit und Lust zum richtigen Essen bleibt. In Götzis nutzt er dafür sogar ein eigenes Verpflegungszelt mit bis zu sieben Portionen Nudeln während des Wettkampfs. In der Vorbereitung verzichtet er bewusst auf industriellen Zucker - nach einem Wettkampf gönnt er sich dafür konsequent das Gegenteil: Pizza, Süßigkeiten und Serien-Marathon.
Ziele: Los Angeles und die Heim-WM in München
Für die kommenden Jahre hat Gräber klare Ziele vor Augen: Die Olympischen Spiele in Los Angeles will er unbedingt mitnehmen, bestmöglich fit und vorbereitet. Auch die Leichtathletik-WM 2031 in München, bei der er mit 26 Jahren in einem für Zehnkämpfer besonders guten Alter wäre, hat er als großes Ziel im Blick - möglichst vor heimischem Publikum mit einem starken Ergebnis.
Drei Gründe, warum man ihn im Blick behalten sollte
Zum Abschluss nennt Gräber selbst drei Gründe, warum man ihn in den kommenden Jahren im Zehnkampf auf dem Schirm haben sollte: erstens seine körperlichen Voraussetzungen mit 1,84 Metern Körpergröße, die exakt dem Profil der 9.000-Punkte-Mehrkämpfer entsprechen. Zweitens sein schier unstillbarer Trainingsfleiß - "ich will immer noch mehr und noch mehr", sagt er über sich selbst. Drittens sein Kampfgeist im Wettkampf, mit dem er sich nach eigener Aussage stets bis zum Schluss durchbeißt.