"Violence as a Service" - Mehr Fälle in Hessen
Die Polizei nennt das Phänomen "Violence as a Service": Meist junge Menschen werden zu teils schweren Gewalttaten angestiftet. Wie sich die Fallzahlen seit 2024 entwickelt haben.
Die hessische Polizei verzeichnet wachsende Fallzahlen von kriminellen Auftragstaten nach dem Muster "Violence as a Service". Dabei werben kriminelle Netzwerke meist junge Menschen an, die dann Gewalttaten gegen Bezahlung begehen. Wie das Landeskriminalamt in Wiesbaden auf dpa-Anfrage mitteilte, wird im laufenden Jahr derzeit eine mittlere zweistellige Anzahl von Sachverhalten auf eine mögliche Zuordnung zum Phänomen "Violence as a Service" (VaaS) geprüft.
Die kriminelle Geschäftspraktik wird seit 2024 erfasst, die Fallzahlen bewegten sich laut LKA bisher im einstelligen Bereich. "Im Verlauf des Jahres 2025 wurde ein deutlicher Anstieg verzeichnet", ergänzte die Behörde. Die Fallzahlen lagen demnach "im unteren zweistelligen Bereich".
Mehrere Explosionen in Frankfurt und in Offenbach am vergangenen Sonntag und Montag beschäftigen derzeit die Ermittler. Dabei spielt den Angaben zufolge auch das Phänomen "Violence as a Service" eine mögliche Rolle. Am Donnerstagmorgen gab es erneut zwei Explosionen in Frankfurt.
Erhebliche Gefahren für öffentliche Sicherheit
VaaS stelle eine "neue Dimension der schweren und organisierten Kriminalität dar, dessen Taten ohne erkennbare Verbindung zwischen den Beteiligten verübt werden", erläuterte das LKA. "Was für die Auftraggeber äußerst lukrativ ist, birgt für Unbeteiligte und für die öffentliche Sicherheit erhebliche Gefahren." Charakteristisch sei das gezielte Anwerben leicht beeinflussbarer junger Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren, oft im Ausland.
Das Spektrum der Straftaten bei diesem Phänomen ist breitgefächert, wie das LKA ergänzte. Es reiche von nächtlichen Angriffen mit Sprengsätzen über gezielte Schusswaffenattacken auf Fahrzeuge, Wohngebäude und Gastronomiebetriebe bis hin zu überfallartigen Gewalttaten gegenüber Personen. "Hierbei kommen häufig Baseballschläger, Pfefferspray, Teleskopschlagstöcke oder Schusswaffen zum Einsatz."
Oft werden Minderjährige beauftragt
Für Gewalttaten setzen kriminelle Netzwerke zunehmend auf Minderjährige - doch warum lassen sich junge Menschen für solche Taten anwerben? "Jugendliche aus bestimmten sozial prekären Verhältnissen sind zum Teil unglaublich fasziniert von der Selbstdarstellung krimineller Gangs im Internet, über die Rapper-Szene, über bestimmte Rocker-Strukturen und wollen einfach dazugehören, wollen dort ihren Weg sehen", sagt die Kriminologin Britta Bannenberg der Deutschen Presse-Agentur.
Die Professorin forscht an der Gießener Justus-Liebig-Universität unter anderem zur organisierten Kriminalität. In den Fällen aus Frankfurt und Offenbach werben laut Ermittlern kriminelle Netzwerke meist junge Menschen an, die dann Gewalttaten gegen Bezahlung begehen.
Leicht zu manipulieren und zu überzeugen
Nach den Worten Bannenbergs handelt es sich um eine Gruppe, die anfällig für Manipulationen und leicht zu überzeugen sei. Den jungen Leuten würden wenige tausend Euro für die Taten gezahlt oder in Aussicht gestellt, nicht immer bekämen sie das Geld auch tatsächlich.
Bei Drogenbanden in Deutschland handele es sich in der Regel nicht um große und hierarchisch strukturierte Organisationen, sondern "sehr viele nebeneinander agierende Banden und Strukturen", sagte Bannenberg. Allein mehrere Hundert davon dürfte es nach ihrer Einschätzung in Hessen geben. Wer "eine große Nummer im jeweiligen Deal" sei, wolle natürlich im Verborgenen bleiben und die Gewinne, etwa aus Drogengeschäften, für sich behalten. "Und von daher versuchen sie, wie früher auch schon, die Gewalttaten auf andere Personen umzulenken. "Und jetzt hat man entdeckt, dass es leicht möglich ist, über soziale Medien Jugendliche, die sehr schnell zusagen, rekrutieren zu können."