Ursachen und Risiken - Falschfahrer auf Hessens Autobahnen
2025 registrierte die hessische Polizei neun Unfälle durch Falschfahrer. Der ADAC meldet Hunderte Warnungen. Ein Blick auf typische Muster, Risiken und Auslöser.
Drei Menschen sterben im Sommer bei einer Geisterfahrt auf der A45 bei Florstadt im Wetteraukreis - darunter die Fahrerin und ihre zwölfjährige Tochter. Eine Frau ist kürzlich auf der A7 rund 35 Kilometer in falscher Fahrtrichtung unterwegs, bevor die Polizei sie mit einer mobilen Straßensperre in Nordhessen stoppen kann. Immer wieder sorgen Falschfahrer für Warnmeldungen und Unfälle.
Neun durch Falschfahrer verursachte Unfälle auf Bundesautobahnen nahm die hessische Polizei laut einer Sprecherin des Landeskriminalamts in Wiesbaden im Jahr 2025 auf. Dabei wurde eine Person leicht verletzt. Im Vorjahr waren es demnach 19 Verkehrsunfälle mit einer schwer verletzten und vier leicht verletzen Personen.
Überforderung, Desorientierung, Rauschmittel
Bei Falschfahrten, die in einem Unfall enden, geht es laut der Sprecherin oft um Überforderung in der Situation oder um Orientierungsschwierigkeiten beim Auffahren. Als weitere Ursachen nennt sie Alkohol oder andere Drogen sowie Mutproben. Manchmal stecke auch Frust über Stau oder Sperrungen dahinter – und der Versuch, durch Wenden doch noch eine bereits verpasste Anschlussstelle zu erreichen.
Die Sprecherin betont, dass das Wenden oder Falschfahren auf Bundesautobahnen mit "allerhöchsten Gefahren für Leib und Leben" verbunden ist. "Die hohen Fahrgeschwindigkeiten, die sich bei Entgegenfahrt summieren, sind Ursache schwerer und schwerster Unfallfolgen bei Frontalkollisionen und verkürzen zudem die Reaktionsmöglichkeiten ab dem Zeitpunkt des Erkennens der Gefahr", erklärt sie.
"Besonnene Reaktion ist entscheidend"
Das unterstreicht auch der ADAC Hessen-Thüringen. Obwohl statistisch gesehen nur ein kleiner Bruchteil der Geisterfahrten zu einem Unfall führt, seien sie extrem gefährlich für alle Verkehrsteilnehmer, erklärte der Automobilclub. In vielen Fällen ende ein solcher Unfall für einen oder mehrere Verkehrsteilnehmer tödlich.
286 Warnungen vor Falschfahrern durch die hessische Polizei seien im vergangenen Jahr beim ADAC-Verkehrsdienst eingegangen. 2024 waren es demnach 276 gewesen. "Autofahrern bleibt häufig nur wenig Zeit, um sich auf einen Geisterfahrer einzustellen", erklärt ADAC-Verkehrsexperte Lukas Berkel. "Eine besonnene Reaktion ist daher entscheidend, um möglichst sicher unterwegs zu sein." Mehr als die Hälfte aller Geisterfahrten, die zu einem Unfall führen, seien bereits nach weniger als zwei Kilometern beendet.
Bewusste und unbeabsichtigte Geisterfahrten
"Man muss zwischen bewussten und unbeabsichtigten Geisterfahrten unterschieden, wobei letztere statistisch häufiger sind", sagt der Frankfurter Verkehrspsychologe Patrick Grieser. Er betreut Menschen, denen der Führerschein entzogen wurde, und die zur Wiedererlangung eine medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) bestehen müssen.
Bewusste Falschfahrten geschähen oftmals in Suizidabsicht. "Zudem gibt es auch Menschen, für die haben Regeln und Gesetze keinen hohen Stellenwert. Und die verpassen beispielsweise eine Ausfahrt und wenden dann einfach." Dabei werde die Gefahr häufig unterschätzt.
Warnsignale werden missinterpretiert
Für unbeabsichtigte Geisterfahrten gibt es dem Verkehrspsychologen zufolge unterschiedlichste Gründe. "Die Fahrer sind möglicherweise abgelenkt oder mit der Verkehrssituation überfordert", erklärt Grieser. "Sie interpretieren vielleicht die Verkehrsführung falsch und biegen an der Anschlussstelle einfach falsch ab." Auch Stress, Alkohol, Drogen, kognitive Beeinträchtigungen sowie schlechtes Wetter und schlechte Sicht könnten Falschfahrten begünstigen.
Aber warum bemerken Geisterfahrer ihren Fehler nicht sofort? Menschen könnten sich oft in einer falschen Überzeugung befinden und Warnsignale falsch interpretieren, sagt Grieser. "Wenn jemand unbeabsichtigt falsch fährt, dann hat er möglicherweise erst einmal nicht auf dem Schirm, dass er gerade eine Fehlentscheidung getroffen hat. Er ist überzeugt, dass er auf der richtigen Fahrbahn ist."
Alle Informationen, die jetzt auf den Fahrer zukommen, würden vor dieser Prämisse interpretiert. "Das heißt, selbst Warnsignale oder Widersprüche wie entgegenkommende Fahrzeuge werden zunächst falsch eingeordnet. Was machen die auf meiner Spur?"
ADAC: Auf keinen Fall wenden oder rückwärtsfahren
Was können Betroffene, die unbeabsichtigt zum Falschfahrer werden, tun? Der ADAC rät, umgehend die Warnblinkanlage und das Abblendlicht einzuschalten, um für andere sichtbar zu werden. "Das Fahrzeug sollte so schnell wie möglich am nächstgelegenen Fahrbahnrand abgestellt werden, idealerweise dicht an der Schutzplanke."
Danach gelte es, das Fahrzeug zügig zu verlassen, die Warnweste anzuziehen und sich hinter der Leitplanke in Sicherheit zu bringen. Anschließend müsse umgehend die Polizei verständigt und auf Hilfe gewartet werden. "Falschfahrer sollten auf keinen Fall versuchen, zu wenden oder rückwärtszufahren", warnt Berkel. Diese Manöver stellten ein weiteres Risiko für alle Verkehrsteilnehmer dar.
Und was tun, wenn über den Verkehrsfunk eine Geisterfahrer-Warnung auf der eigenen Strecke ausgegeben wird? Ruhe bewahren, erklärt der ADAC. Er rät, die Geschwindigkeit kontrolliert zu reduzieren, auf den äußerst rechten Fahrstreifen zu wechseln und die Warnblinkanlage einzuschalten. Zudem sollte ausreichend Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug gehalten und auf keinen Fall überholt werden. Überdies sollten betroffene Fahrer nächstgelegene Parkplätze oder Abfahrten nutzen, Verkehrsfunk hören und auf Entwarnung warten.