Mehr Teilhabe im Nahverkehr - Marburg macht Bus-Fahrpläne barrierefrei
Busfahrpläne, die man einfach nicht lesen kann - für blinde und sehbehinderte Menschen in Marburg war das bisher Alltag. Jetzt soll damit Schluss sein: Die Stadtwerke Marburg haben digitale, barrierefreie Fahrpläne eingeführt.
Gemeinsam mit der Deutschen Blindenstudienanstalt (blista) und der auf den öffentlichen Nahverkehr spezialisierten Medienagentur OVA Media haben die Stadtwerke Marburg das Projekt umgesetzt. Ziel war es, blinden und sehbehinderten Menschen den Zugang zu Informationen über Abfahrtszeiten zu erleichtern.
Bürgermeisterin: „Digitalisierung muss praxistauglich sein“
Vorgestellt wurden die neuen Fahrpläne bei einem gemeinsamen Termin mit Nadine Bernshausen, Marburgs Bürgermeisterin und Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke Marburg. Sie betonte die Vorreiterrolle der Stadt im Bereich Teilhabe und Barrierefreiheit: „Angesichts der Auszeichnung Marburgs beim Access City Award als barrierefreie Stadt passt dieses Projekt sehr gut zu uns. Digitalisierung muss praxistauglich sein - und genau das ist hier gelungen.“
Kein Extra-Service, sondern Selbstverständlichkeit
Für Birgit Stey, Geschäftsführerin der Stadtwerke-Tochter Stadtwerke Marburg Consult, ist das Projekt mehr als nur ein nettes Extra. „Für uns ist die Einführung von barrierefreien Fahrplänen keine zusätzliche Leistung, sondern ein selbstverständlicher Service“, betonte sie. Schon die DFI-Anzeiger an den Haltestellen und die DyFIS Talk-App mit Sprachausgabe seien wichtige Schritte in diese Richtung gewesen.
Hilfe der blista essentiell
Bei der Entwicklung der neuen Fahrpläne habe man von Anfang an auf die Expertise der blista gesetzt, so Stey. OVA Media habe bereits zu Beginn der Zusammenarbeit Erfahrung in der Herstellung barrierefreier Fahrpläne eingebracht, die online und offline verfügbar sind. Erst die gemeinsame Entwicklung eines nutzerfreundlichen Anforderungsprofils habe schließlich zu einer automatisierten Lösung geführt, die auch die Nutzung mit Screenreadern entscheidend vereinfacht.
Warum die alten Fahrpläne an ihre Grenzen stoßen
Wie schwierig der Alltag mit herkömmlichen Fahrplänen für blinde und sehbehinderte Menschen bislang war, zeigt die blista in einem eigens produzierten Kurzfilm. Die Aushänge an den Haltestellen sind demnach nur unter großen Mühen oder gar nicht erkennbar. Auch beim Vorlesen klassischer PDF-Fahrpläne per App gehe schnell die Übersicht verloren - hier stößt die Technik an ihre Grenzen.
Gesetzliche Pflicht seit 2025
Hintergrund der Umstellung ist auch das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz: Seit 2025 verpflichtet es Träger und Betreiber des öffentlichen Personennahverkehrs in Deutschland dazu, digitale Dienstleistungen und Informationen barrierefrei zugänglich zu machen. Damit werden Vorgaben des EU-Rechts in nationales Recht umgesetzt.
Die in Marburg vorgestellten Fahrplantabellen erfüllen diese Anforderungen bereits und ermöglichen künftig die übersichtliche, strukturierte Darstellung eines Linienverlaufs in seinem gesamten räumlichen und zeitlichen Geltungsbereich. Mit dem Projekt will Marburg auch anderen Verkehrsunternehmen zeigen, wie digitale Barrierefreiheit in der Praxis gelingen kann.