Telemedizin-Kabine in Heringen - Der Arzt kommt per Video in die Apotheke
In einer Apotheke in Heringen wartet jetzt ein Arzt - nicht am Tresen, sondern auf einem Bildschirm in einer eigens dafür gebauten Kabine. Es ist die erste Telemedizin-Kabine in Hessen.
Apotheken-Inhaber Stefan Göbel hat die Kabine angeschafft, weil er auf dem Land Handlungsbedarf sieht: “Ich sehe einfach den mittel- und langfristigen Bedarf bei uns hier auf dem Land, niederschwellig ärztliche Ressourcen zu bekommen", erklärt er im Interview mit HIT RADIO FFH.
Puls und Blutdruck wird mithilfe von KI gemessen
Die weiße Kabine ist etwa drei Meter lang - und sobald die Tür zu ist, sitzt man drinnen angenehm abgeschottet ohne Geräusche von außen. Es gibt einen Tisch mit Stuhl davor - und an der Wand hängt ein großer Bildschirm, über den sich der Arzt zuschaltet. Darüber ist eine Kamera angebracht. Die Kabine ist super-modern: Sie kann zum Beispiel mithilfe von KI Puls und Blutdruck messen - indem der Patient einfach in eine Kamera schaut. Den Termin macht man über einen QR-Code aus - und dann braucht man nur noch die Krankenkasse-Karte. Bei der Bedienung hilft auch das Apotheken-Personal weiter.
Göbel: “Die Kabine ist was für leichte bis mittelschwere Fälle”
Laut Stefan Göbel eignet sich das Angebot vor allem für mittelschwere Fälle: “Also, das geht das von Erkältung über einen Fleck auf der Haut bis zu wiederkehrenden Blasenentzündungen.” Der zugeschaltete Arzt kann zum Beispiel ein Medikament verschreiben oder eine Krankschreibung ausstellen. Unklare oder kritische Beschwerden gehören für ihn klar in die Notaufnahme - ein Algorithmus filtert solche Fälle vorab heraus, bevor überhaupt ein Termin zustande kommt.
Großer Nutzen vor allem in Randzeiten
Besonders außerhalb der klassischen Praxiszeiten sieht Göbel den Nutzen: Die Kabine ist immer dann verfügbar, wenn auch die Apotheke geöffnet hat - inklusive Samstagen. Hintergrund ist die Altersstruktur der Hausärzte vor Ort: "Wenn man sich so die Altersstruktur unserer Hausärzte und Hausärztinnen anschaut, da müssen nur ein oder zwei ihre Praxen schließen, und dann bekommen wir hier ein lokales Problem." Genau dieses Szenario will er mit dem Angebot langfristig abfedern.
Fall aus der Praxis
Mitarbeiterin Anna-Lena Wolfgart schildert am FFH-Mikro einen Fall von einem Samstag-Vormittag: “Da rief uns eine Kundin an, dass sie Probleme mit einer immer wiederkehrenden Blasenentzündung hat. Sie wusste schon genau, was sie braucht - nämlich ein bestimmtes Antibiotikum, das bei ihr gut wirkt. Der Termin über die Telemedizin-Kabine war schnell gemacht. Der Arzt hat sie beraten, ihr Tipps gegeben und das Rezept ausgestellt. Die Kundin war super-froh, dass ihr am Wochenende so schnell geholfen werden konnte.”
Kabine ersetzt keinen Arzt
Die Kabine ersetzt laut Stefan Göbel keinen Arzt. “Auf keinen Fall. Aber sie kann helfen, die Ärzte zu entlasten. Gerade bei so einem Fall, dass ich eine Erkältung habe und eine Krankschreibung brauche. Da muss ich mich nicht 20 Minuten in einen Warteraum setzen, sondern kann das hier erledigen. Und entsprechende Medikamente, die ich vielleicht verschrieben bekomme, kann ich gleich in der Apotheke mitnehmen.”
Nachfrage steigt langsam
Am Anfang sei die Kabine nur von wenigen Patienten genutzt worden. Inzwischen steige die Nachfrage aber. “Ich glaube, das muss erstmal so eine erste Skepsis überwunden werden. Manche sagen ”Ich setz mich doch nicht in so eine Kabine". Aber wenn sie es mal ausprobiert haben, sind die meisten begeistert." Für Versicherte entstehen dabei keine Zusatzkosten - die Apotheke selbst kann derzeit 30 Euro pro Sprechstunde abrechnen.
Ausblick
Der Apotheker will an dem Konzept festhalten: “Auf jeden Fall. Und ich bin mir einhundertprozentig sicher, dass wir da noch ganz viele interessante Möglichkeiten sehen werden.”