Bundesliga-Schiri im Podcast - Siebert: "Fühl mich wie Tomb Raider"
Er ist derzeit der beste deutsche Fußball-Schiedsrichter und pfiff im vergangenen Sommer das Champions-League-Finale zwischen Arsenal und PSG: Daniel Siebert. In unserem Podcast „FFH-Sporttalk" mit Sonja Pahl spricht der Bundesliga-Referee über die neuen Regeln für die neue Saison, den Charakter seiner Zunft, technisches Equipment am eigenen Körper - und stellt sich auch der Frage nach der Prognose zur Deutschen Meisterschaft.
Für Fans, Spieler und zuallererst die Schiedsrichter ändert sich einiges für die neue Saison in der Fußball-Bundesliga. Unter anderem muss ein Einwurf spätestens nach fünf Sekunden ausgeführt sein, ein Abstoß nach zehn Sekunden. Der Countdown dafür wird für Daniel Siebert und seine Kollegen eine Herausforderung: „Das ist schon ein massiver Einfluss, nicht nur für die Spieler, die jetzt also auch Zeitdruck haben bei Spielfortsetzungen, sondern auch für mich", so Siebert. Besonders bemerkenswert: Ausgerechnet diese kurzen Unterbrechungen waren für ihn bislang die einzigen echten Verschnaufpausen im Spiel. „Da konnte ich mal durchatmen, mich sammeln".
Künftig muss er stattdessen selbst aktiv mitzählen und das Timing überwachen: „Und jetzt muss ich halt auch in den Pausen arbeiten. Und das wird uns auf alle Fälle mehr beanspruchen." Große Sorgen um die Umsetzbarkeit macht er sich dennoch nicht - schließlich hätten Spieler frühere Regeländerungen wie beim Elfmeter stets erstaunlich schnell verinnerlicht. Gravierende Auswirkungen auf Spielergebnisse erwartet er kaum.
„Wir sind ein verschworener Haufen" - was für Typen sind Schiedsrichter?
Auf die Frage, was für ein „verrückter Haufen" die deutschen Schiedsrichter eigentlich seien, antwortet Siebert offen: „Wir sind wie Torhüter - wer stellt sich da freiwillig rein und lässt sich die Bälle um die Ohren hauen? Schiedsrichter sein ist genau so. Macht nicht jeder, brauchst ein dickes Fell. Aber wir sind ein verschworener Haufen, wir haben Spaß natürlich. Wir sind wie eine Fußballmannschaft."
Und weiter: „Da wird hart gearbeitet, aber nach getaner Arbeit kann man nochmal feiern und nochmal ein Bier trinken, auch im Trainingslager." Wichtig sei vor allem ein dickes Fell: Wer sich freiwillig zwischen die Fronten stelle, brauche Persönlichkeit - gerade als junger Unparteiischer, der sich auch gegen erfahrene Spieler durchsetzen müsse. Mit zunehmender Karriere kämen dann Fitness, Medienpräsenz und Kommunikationsstärke als gefragte Eigenschaften hinzu.
Kabelsalat und Kameras: Wie fühlt sich moderne Schiri-Ausrüstung an?
Von Pfeife, roter und gelber Karte in seiner Jugend bis zu Freistoßspray und Headset heute - die Ausrüstung ist deutlich gewachsen. Siebert beschreibt das Gefühl mit einem Augenzwinkern: „Man fühlt sich manchmal so ein bisschen wie Tomb Raider, überall alles schon verkabelt und irgendwas noch dran am Körper kleben." Selbst die mittlerweile übliche Helmkamera merke er im Spiel kaum noch: „Ehrlicherweise merkt man es gar nicht."
Lästig sei eher die Vorbereitung in der Kabine, wo zusätzliches Personal die Technik justieren müsse. Interessant: Anfangs hätten Spieler noch Respekt vor der Kamera gehabt und mehr Abstand zum Schiedsrichter gehalten - ein Effekt, der mittlerweile verflogen ist.
Die Sache mit den Announcements im Stadion
Besonders ehrlich wird Siebert beim Thema Stadion-Durchsagen nach VAR-Entscheidungen. Anfangs habe er durchaus Respekt davor gehabt, öffentlich seine Entscheidung zu verkünden - und erlebte dabei ein Missgeschick, das ihm bis heute in Erinnerung geblieben ist: „Ich bin auch einer der Schiedsrichter, dem da gleich ein Malheur passiert ist mit dem falschen Namen." Er habe den Spielernamen Kleindienst nennen wollen, habe dann aber Kleinschmidt gesagt.
Seine Lehre daraus: künftig lieber auf Spielernamen verzichten. Heute, nach mittlerweile fünf, sechs Announcements, sei die Nervosität komplett verflogen: „Jetzt ist es auch so, dass die Wortbausteine im Kopf einfach fest verankert sind. Der Automatismus ist da."
Die Gretchenfrage: Wer wird Deutscher Meister?
Zum Abschluss wagt Sonja Pahl die Frage aller Fußballfans - und bekommt eine typisch schiedsrichterliche Antwort. „Das ist eine Frage, die stellt man einem Schiedsrichter nicht. Wir sind neutral und unabhängig", so Siebert, bevor er launig nachlegt: „Aber ich kann es auch als Berliner sagen, ist mir scheißegal, wer gewinnt. Hauptsache, die lassen mich alle nach meinem Spiel in Ruhe." Ihm gehe es einzig darum, dass die verdiente Mannschaft am Ende gewinne.