Marburg will Vorreiter sein - Behördenbriefe in einfacher Sprache
Behördenbriefe in umständlichem Amtsdeutsch? Solche Schreiben kennen wir wohl alle. Die Stadt Marburg übersetzt immer mehr Dokumente in einfache Sprache. Zum Beispiel dort, wo es um soziale Leistungen geht. Über 50 Dokumente seien nun schon verständlicher, teilt die Universitätsstadt mit.
Marburg will damit Vorbild für andere Kommunen sein. Rechtliche Vorgaben würden eingehalten, sagt Stadträtin Kirsten Dinnebier. So blieben Rechtsmittelbelehrungen erhalten. Die Stadt wolle klar und verständlich kommunizieren.
Missverständnisse verhindern
Felix Speidel ist in der Verwaltung zuständig für die Grundsicherung. Es sei wichtig, dass Bürger genau wüssten, was von ihnen erwartet werde und warum, sagt er. Mit den Dokumenten in einfacher Sprache sollen Missverständnisse verhindert und Vertrauen gestärkt werden.
Beispiele einfache Sprache in Marburg
Amtsdeutsch bisher: „Gemäß § 24 SGB X ist, bevor ein Verwaltungsakt erlassen wird, der in die Rechte eines Beteiligten eingreift, diesem Gelegenheit zu geben, sich zu den für die Entscheidung erheblichen Tatsachen zu äußern.“
Einfacher Sprache: „Wir müssen eine Entscheidung treffen. Vielleicht ist diese Entscheidung nicht gut für Sie. Deshalb möchten wir vorher wissen, was Sie dazu sagen. Sie haben das Recht, Ihre Meinung zu äußern, und wir wollen nichts übersehen. Ihr Recht steht in Paragraf 24 des Zehnten Buch Sozialgesetzbuchs (SGB X).“
Einfache Erklärung: „Warum bekommen Sie Sozialhilfe? Das Gesetz legt fest, wie viel Geld jeder Mensch mindestens zum Leben braucht – zum Beispiel für Miete, Essen, Kleidung oder Strom. Auch besondere Kosten werden mit eingerechnet, zum Beispiel bei Krankheit oder Behinderung. Wir haben berechnet, wie viel Geld Sie selbst haben, zum Beispiel durch Rente. Nach dem Gesetz brauchen Sie aber mehr Geld zum Leben. Deshalb zahlen wir Ihnen das fehlende Geld. Die genaue Berechnung steht in den Tabellen, die zu diesem Bescheid gehören. Manchmal zahlen wir einen Teil des Geldes direkt an andere, zum Beispiel an die Vermieterin, die Krankenkasse oder den Energieversorger.“
Vertrauen aufbauen
Klare Kommunikation spare Zeit und Nerven, sagt Felix Speidel, denn es gäbe dann weniger Rückfragen. In der Testphase seien erst einige und dann immer mehr komplizierte Rechtstexte umformuliert worden. Dafür habe es ausschließlich positives Feedback gegeben, teilt die Stadt Marburg mit, Rechtsfehler seien keine festgestellt worden. Nun schule die Stadt auch Sachbearbeiter, damit diese ihre individuelle Kommunikation verbesserten.
Marburg als Vorbild?
Der Fachdienst Soziale Leistungen in Marburg will die neuen, überarbeiteten Bescheide nun auch anderen Kommunen zur Verfügung stellen - als Vorlage oder Anregung.