Ludwigsau zeigt wie es geht - Vorbildlicher Umgang mit dem Biber
Wenn sich der Biber an einem Bach oder Fluss heimisch fühlt, freut das Tierfreunde und Naturschützer - Landwirte, die ihre Wiesen oder Felder direkt am Fluss haben, sind oft weniger begeistert. Die Gemeinde Ludwigsau zeigt, wie es gelingen kann, Lösungen für alle zu finden.
Jörg Althoff ist Biber-Beauftragter der Gemeinde Ludwigsau und kennt die Population genau. Er berichtet am FFH-Mikro, dass es allein am Rohrbach in Ludwigsau ungefähr sechs Biberreviere gibt, zuzüglich weiterer Reviere an der Fulda. Im gesamten Landkreis Hersfeld-Rotenburg geht er von rund 50 Revieren aus - bei zwei bis vier Tieren pro Revier kommt er auf etwa 150 bis 200 Biber im Kreis.
Warum der Biber überhaupt staut
Warum staut der Biber mit seinen Dämmen und Burgen denn überhaupt das Wasser in Bächen und Flüssen? “Weil er immer genug Wasser unterm Kiel haben muss, damit er schwimmend in seine Biberburg kommt. Denn der Eingang liegt immer unter Wasser”, erklärt Jörg Althoff. Mindestens 50 bis 60 Zentimeter hoch muss das Wasser deshalb sein. An kleinen Nebenbächen wie dem Rohrbach müsse er das durch Dämme selbst herstellen, weil dort nicht immer genug Wasser stehe - an der Fulda sei das nicht nötig, da der Biber dort direkt in einen geschützten Erdbau komme.
Der Biber als "Ökosystemmanager"
Dadurch werden oft angrenzende Wiesen oder Felder überschwemmt. Das sei aber oft ein Gewinn für die Natur, erklärt Althoff. "Der Biber ist ein Ökosystemmanager", sagt er. Durch das hoch anstehende Wasser sorge er für mehr Biodiversität, für Gewässerschutz und -entwicklung sowie für Klimaschutz, weil auch der Grundwasserspiegel steige. Gerade in Dürrephasen halte der Biber so Wasser zurück - auch zum Vorteil der Landwirtschaft.
Schutz vor Hochwasser für die Ortschaften
Ein aus Althoffs Sicht entscheidender Punkt: Der Biber halte im Oberlauf, vor den Ortschaften, bei Hochwasser Wasser zurück und leiste damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Dörfer. Zwar werde diese Leistung nicht überall so gesehen, doch der Biber arbeite für die Natur und für die Menschen gleichermaßen, so Althoff.
Neue Tierarten sind zurückgekehrt
Seit der Biber am Rohrbach aktiv ist, haben sich laut Althoff mehrere Tierarten neu angesiedelt oder ausgebreitet. Er nennt unter anderem den Eisvogel, der im tieferen Wasser Fische findet, sowie ablaichende Amphibien. Zudem gebe es inzwischen Ablaich-Biotope für Erdkröte, Grasfrosch und verschiedene Molcharten, außerdem seien auf den vernässten Flächen sogar Bekassinen und während der Brutzeit fünf bis sechs Kiebitze festgestellt worden.
Konflikte mit der Landwirtschaft
Nicht jeder ist von den Bibern begeistert - vor allem Landwirte, deren Flächen überflutet werden, sehen sich mit Problemen konfrontiert. Althoff bestreitet das nicht, verweist aber auf das hessische Bibermanagement, das genau für solche Fälle Lösungen bereithält. “Wir arbeiten hier in Ludwigsau mit den Landwirten zusammen und haben bisher eigentlich auch immer gemeinsam eine Lösung gefunden”, berichtet Althoff im FFH-Interview.
Wie das hessische Bibermanagement funktioniert
Zuständig sind laut Althoff die hessischen Forstämter - hier das Forstamt Bad Hersfeld - in Abstimmung mit den oberen und unteren Naturschutzbehörden sowie der unteren Wasserbehörde. Bei Überschwemmungen könnten Biberdämme abgesenkt werden, damit Flächen weiter bewirtschaftbar bleiben. Bei wesentlichen Beeinträchtigungen bestehe außerdem die Möglichkeit, Flächen anzupachten, anzukaufen oder über ein Ökokonto-Management zu sichern; nach der neuen Billigkeitsrichtlinie könnten betroffene Landwirte zudem entschädigt werden.
Konkreter Eingriff in Ludwigsau
An einer Stelle, an der eine Kanalisation der Gemeinde neben den Rohrbach verläuft, wird laut Althoff in den nächsten Tagen gehandelt: Der Biberdamm soll abgesenkt und ein Rohrdurchlass eingebaut werden, weil durch die Überschwemmung Wasser in die Kanalisation läuft. Das gehe so nicht weiter, betont er - die Absenkung erfolge aber in Abstimmung mit Gemeinde und Behörden und ohne den Biber zu vertreiben.
Warum eine Umsiedlung meist keine Lösung ist
Auf die Frage, warum man einzelne Biber nicht einfach umsiedelt, erklärt Althoff, dass in der Regel ganze Familienverbände aus Vater, Mutter und zwei bis vier Jungtieren an einem Ort leben. Da die Tiere überwiegend nachtaktiv sind, sei es kaum möglich, eine ganze Familie einzufangen - würde man nur das Muttertier umsiedeln, blieben die Jungen zurück. Einzelfälle, etwa wenn eine Kläranlage betroffen ist oder sich ein Biber verirrt hat, seien aber möglich.
Grüne Wiesen im Dürresommer
Besonders deutlich zeigte sich der Nutzen des Bibers laut Althoff auch im vergangenen heißen und trockenen Sommer: Während große Teile der Wiesen bei anhaltenden Temperaturen über 30 Grad braun wurden, blieben die vom Biber gestauten Flächen im Auenbereich grün. Auf einer benachbarten Weide hätten Rinder dort noch Wasser zur Tränke gefunden, während der übrige Bachlauf bereits Niedrigwasser führte - die Landwirte hätten so profitiert, ohne aufwendig Wasser anfahren zu müssen.
Ein kostenloser Dienst an der Natur
Für die Zukunft wünscht sich Althoff, dass die Rolle des Bibers weiter anerkannt wird. Angesichts des Artensterbens leiste der Biber einen wertvollen Beitrag zu Artenvielfalt und Hochwasserschutz - und das ganz ohne Kosten. Das Bibermanagement in Hessen sei dabei auf einem guten Weg, betont Althoff - amtlicher und ehrenamtlicher Biberschutz arbeiteten eng zusammen, um für Mensch und Tier gleichermaßen tragfähige Lösungen zu finden.