Lage im Katastrophengebiet - Überall Leichensäcke: Mehr als 1.000 Tote nach Himalaya-Flut
Verwesende Leichen, zerstörte Dörfer und wachsende Gesundheitsgefahren: Im Himalaya kämpfen Retter gegen Zeit und Wetter. Die Opferzahlen werden derweil immer erschütternder.
Fast eine Woche nach der verheerenden Sturzflut im Himalaya hat die Zahl der Toten eine erschütternde Marke überschritten: Die Polizei in Kathmandu meldete allein in Nepal mehr als 1.000 Tote. China hatte zuletzt von 16 Opfer auf der tibetischen Seite berichtet. Die Lage bleibt aber unübersichtlich - und die Zahl der Vermissten wächst immer noch, auf jetzt mehr als 5.100.
Der jüngsten Polizeistatistik zufolge gibt es allein in Nepal seit dem Unglück keinen Kontakt mehr zu fast 4.600 Menschen. In Tibet gelten knapp 550 Menschen als vermisst. Eine durch einen Gletscherabbruch ausgelöste Flut aus Wasser, Eis, Schlamm und Geröll hatte am vergangenen Mittwoch eine Schneise der Verwüstung durch die Grenzregion gezogen und alles mitgerissen, was in ihrem Weg stand.
Auch von Hunderten Ausländern fehlt seit der Katastrophe jede Spur, darunter laut Auswärtigem Amt von "einigen Deutschen". Einem Sprecher zufolge gibt es noch immer keinen genauen Überblick. Die Behörden in Nepal sprechen von acht vermissten Deutschen. Eine vierköpfige Familie aus Bayern war hingegen in den Tagen nach der Flut gerettet und mit einem Hubschrauber in Sicherheit gebracht worden.
24 Leichen in Gebäude entdeckt
In Betrawati, einer der am schwersten betroffenen Städte im Distrikt Nuwakot, wurden in einem einzigen Gebäude insgesamt 24 Leichen gefunden. Das ist eine der höchsten Zahlen von Leichen, die im Rahmen der laufenden Bergungsaktionen in einem einzigen Gebäude entdeckt wurden. "Wir haben bereits acht geborgen, aber 16 weitere Tote müssen noch geborgen werden", sagte der stellvertretende Polizeichef des Distrikts Nuwakot, Iqbal Hawari.
Derweil erreichen die Rettungskräfte zunehmend auch auf dem Boden stark betroffene Gebirgsgegenden. Bisher waren die Such- und Rettungsmannschaften hauptsächlich auf den Lufttransport angewiesen, wie Vertreter der Polizeizentrale in Kathmandu mitteilten. Nach und nach könnten nun auch abgelegene Gebiete erreicht werden.
Keine vollständigen Namenslisten
Das ganze Ausmaß der Katastrophe ist weiter unklar. Die genannten Zahlen der Vermissten seien immer noch vorläufig, sagte Polizeisprecher Abi Narayan Kafle der Deutschen Presse-Agentur. Es gebe keine vollständigen Namenslisten, da die meisten Informationen telefonisch von Angehörigen, Freunden und anderen stammten. Die Erstellung einer vollständigen Liste werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, sagte der Sprecher.
Von vielen der geborgenen Toten seien zudem nur Knochenfragmente oder Leichenteile gefunden worden. Alle geborgenen sterblichen Überreste könnten jedoch per DNA-Analyse identifiziert werden, was den Familien möglicherweise später bei ihren Bestattungsriten helfen könne.
Suche nach vermissten Kraftwerksarbeitern
Zuletzt wurde auch die Suche nach Hunderten vermissten Arbeitern verstärkt, von denen viele noch in den Tunnelsystemen verwüsteter Wasserkraftanlagen vermutet werden. Die Flutwelle traf nach Angaben des Verbands unabhängiger Stromerzeuger Nepals zwölf im Betrieb oder im Bau befindliche Wasserkraftprojekte. Fast 900 Beschäftige waren demnach nicht erreichbar. Die Zahl könnte jedoch noch deutlich höher liegen. Nepalesische Sicherheitskräfte arbeiten mit Spezialistenteams aus Indien und China zusammen, um mehrere Wasserkrafttunnel zu öffnen.
Warnung vor gefährlichen Krankheiten
Experten warnen inzwischen vor dem Ausbruch gefährlicher Krankheiten. Mitarbeiter der Hilfsorganisation Save the Children berichteten von katastrophalen hygienischen Bedingungen im Unglücksgebiet - und zahlreichen Leichensäcken entlang der Straße, die von Kathmandu in die weitgehend zerstörte Stadt Trishuli Bazar führt.
"Verwesende menschliche und tierische Überreste, nicht entsorgter Abfall und stehendes Wasser erhöhen zusätzlich das Gesundheitsrisiko für die Menschen in der Region", hieß es in einer Mitteilung der Organisation. Dass es in einigen der besonders betroffenen Regionen weiter regne, mache die Situation noch schlimmer.
Überschwemmungen können Abwässer und Fäkalien in Trinkwasserquellen spülen, Latrinen können beschädigt, Kläranlagen überflutet sein. In den Notunterkünften werden nach Angaben der Organisation bereits Kinder mit Fieber und Atemwegsinfektionen behandelt. Besonders groß ist die Sorge vor Durchfallerkrankungen wie Cholera und Hautinfektionen. Stehendes Wasser bietet zudem ideale Brutstätten für Mücken und erhöht damit das Risiko für Dengue-Fieber.
Kritik an Chinas Informationspolitik
Menschenrechtsorganisationen kritisierten die Informationslage rund um die Sturzflut-Katastrophe in Chinas autonomer Region Tibet. Die Organisation Human Rights Watch (HRW) verwies auf Berichte, wonach Journalisten in China der Zutritt zum Katastrophengebiet sowie Interviews mit den betroffenen Familien untersagt worden seien.
Ausländische Journalisten benötigen für eine Einreise nach Tibet schon seit Jahren eine Sondergenehmigung. Aus dem Südwesten Tibets berichteten bislang nur staatliche Medien.
Auch die Gesellschaft für bedrohte Völker warf der Führung in Peking vor, eine "anhaltende Informationsblockade" aufrechtzuerhalten. Videos vom zerstörten Grenzübergang Gyirong und dem Ausmaß der Zerstörung auf tibetischer Seite seien binnen weniger Stunden von chinesischen Online-Plattformen verschwunden. Die Führung in Peking hatte Vorwürfe der Zensur zuletzt zurückgewiesen.