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Wie wisch wisch klick Schulen schadet

Vernichtende Pisa-Studie - Das sagt eine Bad Vilbeler Schule dazu

Schulleiter Markus Maienschein
© Florian Wiegand/dpa

Markus Maienschein leitet seit 2017 die John-F.-Kennedy-Schule in Bad Vilbel.

Nach der vernichtenden Pisa-Studie spricht ein Schulleiter Klartext. Migration ist für ihn nicht der Grund, warum die Leistungen der Kinder so schlecht sind. Er sieht die Schuld woanders.

Die Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie haben in der John-F.-Kennedy-Schule in Bad Vilbel niemand überrascht. In Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften schnitten 15-Jährige in ganz Deutschland so schlecht ab wie nie zuvor. "Sinkende Leistungen entsprechen unseren Erfahrungen", sagt Schulleiter Markus Maienschein. "Die Aufmerksamkeitsspanne wird kürzer, das Leseverständnis schlechter." 

Verschiedene Schulen zur Auswahl

Exakt 500 Schüler lernen in der Haupt- und Realschule im Wetteraukreis. Nur rund 20 Prozent jedes Jahrgangs entscheiden sich von Anfang an für diese Schulform. Die meisten versuchen es erst im Gymnasium oder in der Privatschule, die in unmittelbarer Nähe liegen. Wer es dort nicht schafft, den nimmt die John-F.-Kennedy-Schule auf. Auch bei diesen sogenannten Rückläufern sehe man, dass Kenntnisse und Fertigkeiten abnähmen.

Verständigung mit Händen und Füßen

Für Kinder, die kein oder nur schlecht Deutsch sprechen, gibt es an der John-F.-Kennedy-Schule zwei sogenannte Intensivklassen. 36 Schüler werden derzeit dort unterrichtet. Manche Kinder müssen nicht nur Deutsch lernen, sondern erst mal das Alphabet. 

Alphabetisierungsklasse in der John-F.-Kennedy-Schule
© Florian Wiegand/dpa

Die Integrationsklassen sind ein Erfolg, sagt der Schulleiter.

In ihrem Heimatland haben die fünf Schüler von Ivana Raič noch nie eine Schule von innen gesehen. Ein Grundverständnis von Buchstaben, Plus und Minus, das die meisten Schüler bereits in der ersten Klasse lernen, haben sie nicht. Dabei wären sie vom Alter her eigentlich in der fünften und sechsten Klasse. 

Unterschiedlich schneller Lernfortschritt

"Die Alphabetisierung ist ein ganz anderes Level als normaler Unterricht", sagt die Lehrerin. Im Idealfall könnten ihre Schüler nach sechs Monaten "ganz locker" an den Intensivklassen teilnehmen. Manchmal sehe es aber auch anders aus: "Mal geht es einen Schritt vor, dann wieder zwei oder drei zurück", sagt die 44-Jährige. Oft helfe nur, sich mit Händen und Füßen zu verständigen. 

Weder Herkunft noch Geld entscheiden

"Die Intensivklassen sind zumindest bei uns ein Erfolgsmodell", sagt Maienschein. "Hier hat die Landesregierung sehr gut reagiert und genügend Ressourcen bereitgestellt." Immer wieder erlebt er, dass Kinder dank dieser Förderung besser Deutsch sprechen als ihre Eltern, die teilweise schon lange in Deutschland leben.

Falsche Annahmen

"Die schlechte Leistung wird oft auf Migration geschoben", sagt der 54-Jährige, "aber ich denke, es liegt eher am Elternhaus. Kinder brauchen zu Hause einen liebevollen Umgang und Struktur und das kann bei einem zugezogenen Haushalt genauso gut funktionieren wie bei einem alteingesessenen." Auch die finanziellen Verhältnisse seien nicht der größte Punkt. "Es gibt auch Wohlstandsverwahrlosung."

Alphabetisierungsklasse in der John-F.-Kennedy-Schule
© Florian Wiegand/dpa

Manche Schülerinnen und Schüler haben noch nie eine Schule von innen gesehen.

Die größten Defizite sieht das Kollegium nicht bei einzelnen Fächern wie Mathe, Deutsch oder Naturwissenschaften. Was fehle, sei die Fähigkeit, zu abstrahieren. "Immer, wenn es um Transfer geht, wird es problematisch", sagt Maienschein. Bei Mathe zum Beispiel sei nicht das Rechnen an sich das größte Problem, sondern bei einer Textaufgabe zu verstehen, was überhaupt berechnet werden soll. 

Chatten statt Denken

Und woran liegt das alles denn nun? "Kinder kommen viel zu früh mit technischen Geräten in Kontakt", glaubt der Leiter der John-F.-Kennedy-Schule. Durch "das ständige wisch, wisch, klick" verlernten die Schüler, sich länger mit einer Sache zu beschäftigen. Statt nachzudenken, nachzufragen oder nachzulesen wüssten Chatbots immer die Antwort. Wer sich nicht auch mal langweile, könne weniger Kreativität entwickeln. 

Die Macht der Technologie

"Wir sind als Gesellschaft ein Stück weit überrannt worden von den technischen Möglichkeiten. Die Digitalisierung hat uns voll im Griff." Das sei ein gesellschaftliches Problem und könne daher auch nicht von der Schule allein gelöst werden. Das Handyverbot auf hessischen Schulhöfen findet der Pädagoge super und auch ein Social Media-Verbot für Kinder würde er begrüßen. Dass KI die Hausaufgaben mache, lasse sich kaum verhindern.

Was der Schulleiter gern ändern würde

Wenn Maienschein sich eine ideale Schule basteln könnte, würde er vieles ändern. Als Erstes würde er den Föderalismus abschaffen. 16 Kultusministerien und Hunderte Kreise trügen dazu bei, "dass das Bildungssystem so wenig effizient und träge ist im Vergleich mit anderen Staaten".  

Schulleiter Markus Maienschein
© Florian Wiegand/dpa

Wie kann man Schule besser machen? Der Schulleiter würde einiges ändern.

Außerdem würde er Kinder länger gemeinsam unterrichten. Das dreigliedrige Schulsystem empfindet er als "höchst ungerecht. Gerecht wäre, die Schwächsten am meisten zu fördern."

Es gibt auch positive Entwicklungen

Der Vater dreier erwachsener Kinder betont, dass er absolut nicht zu denen gehört, die sagen würden, dass früher alles besser gewesen sei. Die Schüler früher seien vielleicht leistungsstärker gewesen, aber heute seien die Mädchen und Jungen tendenziell friedlicher und toleranter als früher.

"Es gibt viel weniger Gewalt auf dem Schulhof als vor 20 oder 40 Jahren." Und selbst dem digitalen Medienkonsum kann der Schulleiter eine positive Seite abgewinnen: "Englisch ist heute überhaupt kein Problem mehr."

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