Gewalt eskaliert - Krawalle und Plünderungen in Frankfurt
Die Bilder erinnern an die aus Paris: Nachdem die Polizei eine zunächst friedliche Demo junger Menschen auflöst, eskaliert die Lage auf der Zeil.
Randalierer haben sich in der Frankfurter Innenstadt gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert. Sie schlugen unter anderem Schaufensterscheiben ein und plünderten Geschäfte. Augenzeugen beobachteten, wie mehrere Menschen in einen Laden eindrangen und Turnschuhe stahlen.
Auch ein Waffenfachgeschäft war das Ziel der Attacken. Die Polizei war mit einem großen Aufgebot im Einsatz, sie nahm mehrere Personen fest und stellte zwei Waffen sicher. Worum es sich genau handelte, war zunächst unklar.
"Molotowcocktails auf Einsatzkräfte"
Die Polizei sprach davon, dass an mehreren Läden Scheiben eingeschlagen wurden. "Es werden zudem Molotowcocktails auf Einsatzkräfte geworfen." Ein Molotowcocktail ist ein selbst gebastelter Brandsatz mit einer Flasche und brennbarer Flüssigkeit. Gegen 22.00 Uhr sperrte die Polizei sogar die Einkaufsstraße Zeil zwischen Konstablerwache und Hauptwache. Stunden zuvor war eine Kundgebung zu den Sozialprotesten aufgelöst worden, weil sich Attacken gegen die Polizei mit Steinen, Flaschen und Böllern wiederholt hatten.
Zunächst war am Nachmittag die Demonstration über weite Strecken friedlich verlaufen. Tausende Menschen folgten einem Aufruf der Initiativen "Gen Z regelt" und "Generation Aufbruch" und demonstrierten für mehr Investitionen in Bildung und Gesundheit sowie gegen die Einführung einer Wehrpflicht.
Die Initiative "Gen Z regelt" setzt sich unter anderem für mehr Klimaschutz ein, fordert Maßnahmen gegen steigende Lebenshaltungskosten und positioniert sich gegen eine Einführung einer Wehrpflicht. Bundesweit waren für Samstag in mehr als 30 Städten Proteste angekündigt.
Bundesweite Proteste
Auf der Homepage von "Gen Z regelt" konnte man mit einem Mausklick angeben, dabei sein zu wollen. Das hatten bis zum Protestbeginn um 14.00 Uhr zwar mehr als 182.100 Menschen getan. Die in den Städten offiziell angemeldeten erwarteten Teilnehmerzahlen waren allerdings deutlich niedriger. Deutschlandweit schlossen sich letztlich Zehntausende den Jugendprotesten an.
In Frankfurt kippte Stunden nach dem Auftakt die Stimmung. Polizisten wurden nach eigenen Angaben mit Böllern, Steinen und Flaschen beworfen. Es kam zu Auseinandersetzungen zwischen Beamten und Teilnehmern der Demonstration. Mehrere Beamte erlitten nach ersten Erkenntnissen des Innenministeriums Verletzungen. Die Zahl der Verletzten unter den Demonstranten war zunächst nicht bekannt.
Tumultartige Szenen am Abend
Wegen wiederholter Attacken gegen Einsatzkräfte löste die Polizei den Demonstrationszug am frühen Abend auf - Ruhe kehrte damit aber nicht ein. Nachdem zahlreiche Teilnehmer mit Plakaten gegangen waren, veränderte sich das Bild im Frankfurter Zentrum. Nach Darstellung der Beamten bildeten sich gewalttätige Gruppen. Insbesondere auf der Zeil kam es zu tumultartigen Szenen. Randalierer zündeten Mülltonnen an und rissen Straßenschilder aus der Verankerung.
"Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass wir damit rechnen müssen, dass sich linksextremistisches Gewaltpotenzial unter diese Demonstration mischen wird, und so ist es gekommen", sagte der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) am Abend.
"Wir gehen von ungefähr 100 linksextremistisch motivierten Gewalttätern aus. Diese haben die Polizei massiv angegriffen mit Flaschenwürfen, mit Steinen und mit Pyrotechnik." Seinen Angaben zufolge wurde ein Beamter möglicherweise etwas schwerer verletzt, "aber das bedarf noch der weiteren Aufarbeitung", sagte er. Wer sich später an den Krawallen in der Innenstadt beteiligte, ist Gegenstand der Ermittlungen.
Pyrotechnik, Böller und Steinwürfe
An dem Demonstrationszug nahmen nach Angaben der Polizei zwischenzeitlich bis zu 8.000 Menschen teil, er war über Stunden mehrere Kilometer durch die Frankfurter Innenstadt unterwegs. Die Veranstalter sprachen von rund 9.000 Teilnehmern.
Ihren Anfang hatten die Proteste am Nachmittag an der Weseler Werft am Main in der Nähe der Europäischen Zentralbank (EZB) genommen. Angemeldet waren in der Main-Metropole ursprünglich zwei Kundgebungen. Laut Polizei wurde eine nach kurzer Zeit beendet und ein gemeinsamer Demozug gebildet. Die Veranstalter appellierten an die Teilnehmer, friedlich zu bleiben.
Wasserwerfer im Einsatz
Redner kritisierten unter anderem den Sparkurs bei Bildung und Gesundheit. Auf Plakaten forderten Teilnehmer mehr Perspektiven und mehr Gerechtigkeit für junge Menschen. In der Menge waren Sprechchöre ganz unterschiedlicher Gruppen zu hören, etwa "Wir steh'n auf" über "Merz muss weg" bis hin zu "Revolution" und "Viva Palästina".
Immer wieder stoppte die Polizei unterwegs den Aufzug, weil sich einzelne Teilnehmer verbotenerweise vermummten oder Pyrotechnik gezündet wurde. Gut einen Kilometer vor dem Abschluss an der Weseler Werft im Osten Frankfurts, wo der Aufzug gestartet war, eskalierte die Situation ein erstes Mal.
"Wir setzen unseren Wasserwerfer gegen die Störer ein", schrieb die Polizei auf WhatsApp. Gegen 18.20 Uhr teilte sie mit, die Versammlung sei aufgrund des "unfriedlichen Verlaufs" aufgelöst worden.
Polizei geht teils massiv vor
Nach dem Ende des Demozuges rief die Polizei unter anderem mit Lautsprecherdurchsagen immer wieder dazu auf, Ansammlungen in der Innenstadt aufzulösen und sich von Gewalttätern zu distanzieren.
An der Konstablerwache versuchten Randalierer eine Blockade mit einem umgekippten Müllcontainer zu errichten, wie dpa-Reporter beobachteten. Die Polizei verhinderte dies mit massivem Einsatz. Gegen 20.45 Uhr sagte ein Sprecher, dass die Lage etwas ruhiger geworden sei. Es sei aber nach wie vor ein großes Polizeiaufgebot vor Ort, Schwerpunkt sei die Konstablerwache. Dann folgten Attacken auf Geschäfte und Plünderungen.
Aus Angst vor Ausschreitungen hatten viele Einzelhändler in den Innenstädten und vor allem in Luxus-Einkaufsstraßen auch in Frankfurt vorsorglich ihre Schaufenster mit Holzplatten oder anderem verbarrikadiert.
Friedliche Demo in Kassel
Deutlich friedlicher ging es bei einer weiteren Kundgebung in Hessen zu: In Kassel versammelten sich am Nachmittag der Polizei zufolge zwischen 500 und 600 Menschen. Dort sei alles friedlich geblieben, sagte ein Polizeisprecher.