Trinkgeld per Kartenlesegerät - Mehrheit lehnt Prozent-Abfrage ab
In Hessens Cafés tippen Gäste beim Bezahlen inzwischen oft einen festen Prozentsatz als Trinkgeld ein. Doch nicht jeder ist begeistert davon.
„Die Amerikaner geben meist 20 Prozent Trinkgeld bei meinem Kartenlesegerät. Bei den Deutschen sind es oft 10 Prozent", erklärt Emilia Bieber, Inhaberin der beiden „Art Cafés" in Assmannshausen und in der touristisch bekannten Drosselgasse in Rüdesheim am Rhein. „Manche sagen auch ‚Das ist unverschämt' mit den vorgeschlagenen 10, 15 oder 20 Prozent Trinkgeld." Neben festen Prozentsätzen bietet ihr Gerät auch die Optionen „Kein Trinkgeld" und „Trinkgeld manuell eingeben".
Mehr als die Hälfte findet die Abfrage schlecht
Bundesweit hat bei einer YouGov-Umfrage mehr als die Hälfte der Befragten angegeben, solche digitalen Auswahlfelder für Trinkgeld „schlecht" oder „eher schlecht" zu finden. Knapp ein Drittel hält sie für „gut" oder „eher gut", mehr als ein Fünftel gibt inzwischen sogar weniger Trinkgeld als früher.
Kommt das Geld wirklich an?
Kai Eifler von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Darmstadt vermutet, dass viele Gäste sich fragen: „Kommt mein Trinkgeld wirklich bei unserer Bedienung an oder steckt es sich das Unternehmen ein?" Diese Unsicherheit erhöhe die Hemmschwelle. Manche Betriebe verzichten laut Eifler deshalb bewusst auf fordernd wirkende digitale Trinkgeldoptionen.
Café-Chefin: „Rund zehn Prozent mehr Trinkgeld"
Bieber selbst zieht eine positive Bilanz: Grob geschätzt bekomme sie seit der Einführung der digitalen Auswahl rund zehn Prozent mehr Trinkgeld. „Mit den Prozentsätzen finden es viele bequem, dann müssen sie nicht rechnen", sagt sie. Von US-Gästen profitiere sie besonders, da in deren Heimat höhere Trinkgelder traditionell niedrige Löhne in der Gastronomie ausgleichen sollen.
Trinkgeld als Verhandlungsmasse?
Laut Eifler kommt es auch hierzulande vor, dass Arbeitgeber das Trinkgeld „als probates Mittel" in Lohn- und Gehaltsverhandlungen nutzen, um die Bezahlung zu drücken. Angesichts der Wirtschaftsflaute vermutet er zudem, dass die klassische Faustregel von zehn Prozent Trinkgeld heute oft unterboten wird.
Das sagt das Finanzamt
Für das Trinkgeld gelten klare Regeln, wie die Oberfinanzdirektion (OFD) Frankfurt am Main erläutert: Freiwilliges Trinkgeld ohne Rechtsanspruch ist für angestellte Kellnerinnen und Kellner steuerfrei - egal ob bar oder digital gezahlt, und ohne Höchstgrenze. Anders sieht es bei vertraglich geregelten Pflicht-Bedienzuschlägen aus, die steuerpflichtig sind. Auch selbstständige Gastronomen können sich nicht auf die Steuerfreiheit berufen: Bei ihnen zählt das Trinkgeld zu den Betriebseinnahmen und fließt in die Umsatzsteuer ein.
International große Unterschiede
Wer im Sommerurlaub unterwegs ist, sollte die Sitten des Gastlandes kennen. Laut Bundesverband deutscher Banken (BdB) reicht die Bandbreite von größerer Großzügigkeit in Nordamerika über das Aufrunden des Rechnungsbetrags in den Beneluxstaaten bis hin zu Ländern, in denen gar kein Trinkgeld erwartet wird.
Trinkgeld als Teil des Einkommens
In den USA und Kanada ist Trinkgeld ein zentraler Bestandteil des Einkommens: Eine Kellnerin aus Brooklyn brachte es einmal auf den Punkt: „Ich könnte den Job nicht machen, wenn ich nur den Stundenlohn bekäme." Studien zeigen zudem: Frauen erhalten als Bedienung tendenziell mehr Trinkgeld als Männer, und attraktiver wahrgenommene Personen werden bevorzugt.
Wo Trinkgeld als Beleidigung gilt
Ganz anders in Teilen Asiens: In Ländern wie China, Japan und Südkorea kann Trinkgeld laut BdB sogar als Beleidigung aufgefasst werden - guter Service gilt dort als Selbstverständlichkeit.