Handball-Bundestrainer Alfred Gíslason bei Silvia am Sonntag
„Arbeit schlägt immer Talent" - Silvia am Sonntag mit Alfred Gíslason
Alfred Gíslason, Bundestrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft, zu Gast bei Silvia Stenger im FFH-Talk. Der Isländer spricht über seine Führungsphilosophie, die umstrittenen Auszeiten bei der Europameisterschaft, die WM im eigenen Land – und über den Tod seiner Frau.
Alfred Gíslason am Sonntag ab 10 bei ‘Silvia am Sonntag’.
Die Timeout-Entscheidung, die alle bewegte
Kaum ein Moment der vergangenen Europameisterschaft wurde so heiß diskutiert wie Gíslasons Timeout-Entscheidungen. „Ich glaube, nach dem ersten Timeout gegen Serbien wollten drei, vier Millionen Deutsche mich entlassen", sagt er im Gespräch mit Silvia Stenger. Und doch zog er im entscheidenden Spiel gegen Frankreich erneut die Auszeit. „Man muss halt seiner Intuition folgen, seiner Einschätzung der Situation. Ich muss mir selbst vertrauen."
Führung mit Haltung
Gíslason ist nicht nur Trainer - er ist auch gefragter Redner in der Wirtschaft. In seiner Führungsphilosophie, ursprünglich auf Bitten eines Unternehmers aufgeschrieben, sind Transparenz und Selbstreflexion zentrale Werte. „Wenn jemand mich was fragt, dann werde ich zugeben, wenn ich nicht sicher bin und es nicht weiß. Die Spieler sind sehr intelligent, die merken genau, wenn der Trainer nicht genau weiß, worum es geht."
Fehlerkultur im Team
Fehler öffentlich anzusprechen gehört für ihn dazu - das gilt auch für die Mannschaft. „Ich sage denen immer: Mach einen anderen Fehler, nicht die gleichen."
„Arbeit schlägt immer Talent"
Mit klaren Worten räumt Gíslason mit dem Mythos des reinen Naturtalents auf: „Arbeit schlägt immer Talent. Wenn du beides hast, dann wirst du Weltklassespieler. Aber mit nur Talent bleibst du auf der Strecke." Er selbst sei erst mit 14 Jahren zum Handball gekommen - spät für einen späteren Nationalspieler und Weltklasse-Trainer. Was ihn antrieb: „Fleiß ohne Ende."
WM im eigenen Land
Die Handball-WM 2027 in Deutschland ist für Gíslason ein Herzensthema. „Es ist etwas ganz Besonderes. Deutschland ist einzigartig, was die Hallen betrifft - sie sind groß, immer voll. Ich glaube, ein Großteil der WM-Spiele ist schon ausverkauft. Das ist einzigartig in der Handballwelt." Und er selbst? „Ich bin topfit und ich liebe diese Mannschaft einfach. Es macht mir tierisch Spaß mit denen."
Schicksalsschläge und neue Lebensfreude
Gíslasons Frau starb im Mai 2021 - nur einen Monat vor Beginn der Olympia-Vorbereitung in Tokio. „Da war ich schon sehr kaputt. Und die Mannschaft hat das sicherlich gemerkt, aber auch verstanden."
Ein neuer Anfang
Obwohl er glaubte, noch lange nicht bereit dafür zu sein, ist Gíslason wieder in einer Beziehung: „Sie hat einen Podcast von mir gehört und wollte mir für ihr Buch über Intuition ein paar Fragen stellen. Und so haben wir uns kennengelernt."
Island - Natur, Teamgeist und schnelle Entscheidungen
Auf die Frage, warum Island bei Touristen so beliebt sei, antwortet Gíslason: „Es war kein Touristenort, als ich klein war. Jetzt kommen drei Millionen jeden Sommer - ich glaube, es ist die Natur in Island, die die Menschen begeistert."
Isländer als geborene Teamplayer
Und warum finden sich Isländer überall auf der Welt so schnell zurecht? „Isländer sind genetisch Teamplayer. Wir haben 1.200 Jahre auf einer unbewohnbaren Insel überlebt - und das ging nur zusammen. Isländer sind auch sehr kreativ, sehr impulsiv und treffen schnell Entscheidungen. Um in der rauen Natur zu überleben, musstest du dich schnell entscheiden. Wer gesagt hat, ‚wir müssen drüber reden', hat nicht überlebt."