Riesendrama durch winziges Tier - Furchtbare Ameisen-Invasion in Gelnhausen
Das - will - niemand! Und im Oberdorf von Gelnhausen-Meerholz ist es überall! Dort breitet sich eine Ameisenart aus Südeuropa immer weiter aus: Die Große Drüsenameise. Auf Gehwegen, in den Gärten, in den Häusern: Ameisen. Eine unvorstellbare Situation für die Menschen, die dort leben. Ein normales Leben? Nicht mehr möglich. Alles dreht sich um das winzige Insekt. Die Gelnhäuser Neue Zeitung hatte zuerst darüber berichtet.
Neu ist die Große Drüsenameise in Deutschland nicht. Sie breitet sich seit Jahren immer weiter aus. Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie hat inzwischen eine Karte im Internet veröffentlicht, auf der bestätigte Vorkommen der kleinen Ameise eingetragen sind. Auf der Karte ist zu sehen, dass es bereits in der gesamten südlichen Hälfte Hessens bestätigte Vorkommen gibt. Hinter den Zahlen auf der Karte stecken echte Schicksale.
“Ich zieh aus!”
“Wenn man nur kurz dasteht, krabbeln die Ameisen zu hunderten an einem hoch und beißen”, erzählt Anwohnerin Dagmar Reinheimer im Gespräch mit HIT RADIO FFH, “egal ob am Auto oder wenn man geradeden Müll rausbringt”. “Man muss mit den Füßen stampfen”, sagt Nachbarin Violetta Schuba, “dann fallen die Ameisen runter”. Rentnerin Hera Linde-Leitheiser zieht jetzt einen dramatischen Schlussstrich: Wegen der Ameisen zieht sie jetzt aus. Denn sie haben Wege in ihre Wohnung gefunden.
Täglicher Kampf
Den Tag starte sie mit Saugen, um die Ameisen drinnen wenigstens mal kurz loszuwerden. Aber: Sie zieht in ein Haus in der Nachbarschaft. Dagmar Reinheimer sagt, dort seien die Ameisen auch schon. Linde-Leidheisser ignoriert den Hinweis, während ich, der FFH-Reporter, stampfend da stehe. “Nachbarn fahren nicht mehr in Urlaub, weil sie Angst davor haben, was die Ameisen in der Zeit zuhause anrichten”, erzählt Reinheimer währenddessen weiter. In einem anderen Haus seien neue Mieter eingezogen. Diese hätten aber nichts von den Ameisen gewusst. Im Garten sehe man sie kaum.
Garten umgebaut
Steinehaufen liegen bei Dagmar auf der Einfahrt: Ihr Mann hat sie im Garten ausgegraben, denn darunter hatten sich die Ameisen eingenistet. “Im Winter hatten wir sie im Heizungskeller, das war ganz furchtbar”. Sie zeigt im Garten einen neuen, dicht verfugten Pflasterweg, “schau Thomas, da sind schon Löcher!” Und wieder: Überall Ameisen. Seine Kübelpflanzen hat das Paar entsorgt, ein Gewächshaus abgerissen. Den wunderschönen Garten wirklich nutzen, das ist Geschichte.
12 Hektar betroffen
Seit letztem Jahr wissen wir, dass es sich um die Große Drüsenameise handelt, sagt uns Bauamtsleiter Eppo Haas. Experten hätten das Areal jetzt kartiert, also geprüft, wie groß das betroffene Gebiet inzwischen ist. 12 Hektar - das ist das vorläufige Ergebnis der Untersuchung. Eine Fläche, so groß wie 17 Fußballfelder - voller Ameisen. Gemeinsam mit einem weiteren Experten, der diese Art aus Südeuropa bereits in Offenbach bekämpft, werde jetzt geprüft, was getan werden kann.
Infoveranstaltung am 14. September
Am 14. September werde es eine öffentliche Infoveranstaltung geben, erklärt Haas. Dann werde darüber informiert, welche Maßnahmen die Stadt ergreift und was die betroffenen Anwohner unternehmen können. Heikel: Das betroffene Areal befinde sich in einem Wasserschutzgebiet. Auf Insektengift solle deshalb unbedingt verzichtet werden.
Klimawandel sorgt für Ausbreitung
Die Große Drüsenameise fühlt sich in Deutschland offenbar immer wohler: “Die weitere Ausbreitung der mediterranen Art in kühlere Klimazonen ist aufgrund des Klimawandels und der zunehmend milderen Winter wahrscheinlich", heißt es auf FFH-Anfrage vom Hessischen Umweltministerium.
"Kaum Praxiserfahrungen"
“Bisher existieren bundesweit kaum Praxiserfahrungen hinsichtlich langfristig effektiver Maßnahmen. Nach derzeitigem Kenntnisstand scheint die in Baden-Württemberg angewandte Heißschaummethode erfolgsversprechend zu sein”, schreibt das Umweltministerium weiter. Weil die Ameisen sogenannte Superkolonien bildeten und die Nester bis zu einem Meter tief seien, sei die Bekämpfung sehr aufwändig. Ob das Problem langfristig zu lösen sei, das sei unklar. Die Fachbehörden des Landes seien mit den Fachbehörden anderer betroffener Länder sowie des Bundes im ständigen Austausch.
Bürokratie bremst Maßnahmen
Die Art “Große Drüsenameise” wird laut Umweltministerium bisher nur auf der Beobachtungsliste des Bundesamtes für Naturschutz geführt. Deshalb bestünden keine verbindlichen behördlichen Kontrollmechanismen. “Einem Einführungs- und Handelsverbot, das von den Grenzbehörden und den zuständigen Landesbehörden geprüft wird, unterliegen lediglich Arten der Unionsliste. Die Landesregierung steht allerdings im regelmäßigen Austausch mit anderen betroffenen Ländern, auch um effektive Bekämpfungsmaßnahmen zu besprechen und zu evaluieren.” Weil die Art nicht in der genannten Unionsliste geführt werde, bestehe keine Rechtsgrundlage, um verbindliche behördliche Kontrollmaßnahmen zu ergreifen. Die Kommunen seien zuständig, das Land unterstütze durch Beratung und Vernetzung.
Gut für die Ameise…
In Gelnhausen-Meerholz ist die Große Drüsenameise laut Gudrun Reinheimer wohl schon seit vier Jahren. Erstmal muss ja erkannt werden, dass es sich nicht um eine heimische Art handelt. Diese Zeit hat die Ameise allerdings genutzt, um sich heftig auszubreiten. Ob sie jetzt überhaupt noch nachhaltig bekämpft werden kann, ist fraglich.