Mehr Angriffe auf Bahn-Personal - Schutzmaßnahmen sollen erhöht werden
Nach dem gewaltsamen Tod eines Bahnmitarbeiters wächst die Sorge um die Sicherheit im Zug. Welche Maßnahmen werden geprüft – und wo gibt es bereits Veränderungen?
Die Zahl der Angriffe auf Bahn-Mitarbeiter wie Zugbegleiter und Zugbegleiterinnen in Hessen steigt. Wurden im Jahr 2023 noch 204 Übergriffe auf Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von Eisenbahnunternehmen im Bundesland zur Anzeige gebracht, waren es 2024 schon 240 und im vergangenen Jahr 268. Das geht aus Angaben der Bundespolizeidirektion Koblenz hervor.
Registriert wurden demnach vor allem Körperverletzungsdelikte und Straftaten gegen die persönliche Freiheit. Dazu zählen unter anderem Bedrohung und Nötigung.
287 Übergriffe auf ihre eigenen Kräfte im Bereich der Bahnanlagen hat die Bundespolizei in Hessen 2025 verzeichnet, darunter 59 Körperverletzungsdelikte, 26 Straftaten gegen die persönliche Freiheit und in 202 Fällen Widerstand gegen die Staatsgewalt.
Bundesweites Entsetzen löste kürzlich der tödliche Angriff auf einen Bahn-Mitarbeiter in Rheinland-Pfalz aus. Der 36 Jahre alte Zugbegleiter war bei einer Ticketkontrolle in einem Regionalexpress von einem Mann ohne gültiges Ticket mit Schlägen attackiert worden. Er verlor das Bewusstsein und starb später in einer Klinik. Der mutmaßliche Täter, ein 26 Jahre alter griechischer Fahrgast, sitzt in Untersuchungshaft. Die Tat hat auch in Hessen eine Debatte über mehr Sicherheit im öffentlichen Verkehr entfacht.
Eskalationsspirale wird laut HLB größer
Aggressionen gegenüber Zugbegleitern seien kein neues Thema, sagte etwa Peter Runge von der Hessischen Landesbahn (HLB). "Eine Zunahme von Angriffen können wir nicht bestätigen. Wir nehmen aber wahr, dass in solchen Fällen die Eskalationsspirale vielleicht eine größere ist." Situationen eskalierten stärker. "Und wenn es notwendig ist, und das ist eigentlich dann der Regelfall, wenn man die Polizei rufen muss, dauert es leider auch zunehmend lange, bis Hilfe kommt."
Gerade, wenn der Zug auf freier Strecke unterwegs sei, sei es ausgesprochen schwierig und langwierig, Hilfe zu bekommen. Das sei ein Problem. "Und wenn ein Zug länger steht, wird das Aggressionspotenzial dadurch weiter angefeuert. Das ist dann eine sehr kritische Situation, die man dadurch hervorruft." Die HLB setze auf Deeskalation. "Wir schulen unsere Mitarbeiter schon seit längerer Zeit entsprechend und geben Deeskalation-Trainings."
Sind Doppelbesetzung und Bodycams hilfreich?
Eine Doppelbesetzung von Zugbegleitern, wie sie die Eisenbahnergewerkschaft EVG nach dem Vorfall in Rheinland-Pfalz fordert, hält Runge nicht für sinnvoll. "Das bringt verhältnismäßig wenig bis gar nichts", sagte er. "Eine eskalierende Situation entschärfen können am Ende auch zwei Zugbegleiter nicht, weil sie eben keine unmittelbare Gewalt anwenden dürfen." Zudem sei der finanzielle Aufwand immens. "Das Geld sollte besser in die Polizei investiert werden. Mehr Polizeipräsenz wäre mit Sicherheit hilfreicher."
Auch den Einsatz von Bodycams sieht Runge kritisch. "Wir haben das schon länger in der Pilotierung, allerdings ist die Akzeptanz in der Belegschaft nicht besonders groß", schilderte er. Das liege möglicherweise daran, dass die Zugbegleiter Servicekräfte seien und sich auch als solche verstünden. "Sie erteilen Auskünfte, helfen und so möchten sie auch gesehen und wahrgenommen werden." Eine Bodycam verändere ihre Ausrüstung hin zu einem Sicherheitsdienst.
Zudem seien die Züge der HLB mittlerweile komplett videoüberwacht. Und solange Bodycams aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Tonaufnahmen machen dürften, sehe er beweistechnisch keinen Zugewinn zu den Videokameras, so Runge. Das landeseigene Verkehrsunternehmen betreibt Strecken, die teils über die Landesgrenzen hinwegreichen.
RMV prüft weitere Schutzmaßnahmen
Auch beim Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) sorgt die tödliche Gewalttat in Rheinland-Pfalz für Erschütterung, wie ein Sprecher mitteilte. Innerhalb der Branche und mit den Verkehrsunternehmen wolle man nun "etwaige weitere Möglichkeiten zur Vermeidung körperlicher Angriffe" bewerten.
Bisher gebe es in allen S-Bahnen und nahezu in allen Regionalzügen Videoaufzeichnungen. Neben einem Abschreckungseffekt unterstütze dies die Aufklärung von Straftaten. Der RMV beteilige sich auch an einem Test der Deutschen Bahn zum Einsatz von Bodycams.
Mehr Personal auf Zügen im NVV-Gebiet
Die Kurhessenbahn, die mehrere Strecken in Hessen und Nordrhein-Westfalen bedient, setzt seit Anfang dieser Woche im Auftrag des Nordhessischen Verkehrsverbunds (NVV) zwischen Korbach und Kassel mehr Zugbegleiter ein. Ausgewählte Züge der Linie RB4 und gegebenenfalls weitere Regionalzuglinien würden mit doppelter Begleitquote besetzt, teilte eine Sprecherin des NVV mit. Die Linie hat demnach die höchste Fahrgastnachfrage unter den Linien der Kurhessenbahn im NVV-Gebiet.
"Dabei geht es neben der erhöhten Sicherheit durch die Präsenz des Zugbegleitpersonals auch um Serviceleistungen, beispielsweise Fahrkartenverkauf durch das Begleitpersonal", erläuterte die Sprecherin. Es obliege der Kurhessenbahn, auch Fahrten anderer Linien mit doppelter Besetzung zu begleiten. "Es ist ein monatlicher Austausch zwischen der Kurhessenbahn und dem NVV vereinbart."
Die cantus Verkehrsgesellschaft in Kassel spricht von einem Anstieg von aggressivem Verhalten im Zug in den vergangenen drei bis vier Jahren. Es gebe neben wenigen handgreiflichen Fällen leider viele verbale Übergriffe. "Die cantus investiert in Deeskalationsschulungen für die Zugbegleiter, des Weiteren verfügen alle über ein Handy mit einem entsprechenden "Notruf" und die Fahrzeuge sind Kameraüberwacht", teilte das Unternehmen mit.
Wenn die Polizei hinzugezogen werde, verzögerten sich Einsätze aus deren Kapazitätsgründen, hieß es. "Hier würden wir uns seitens des Landes/Bundes mehr Unterstützung wünschen."
Warten auf Ergebnisse des Sicherheitsgipfels der Bahn
Laut der Sprecherin finanziert der NVV bereits seit Längerem bei einigen von ihm beauftragten Eisenbahnverkehrsunternehmen zusätzliches Sicherheitspersonal, welches das Zugbegleitpersonal an Bord der Züge begleiten kann. Auf welchen Fahrten es zum Einsatz komme, obliege den Verkehrsunternehmen. Gleiches gelte für weitere Sicherheitsvorkehrungen wie Bodycams oder Deeskalationstrainings.
"Für uns als NVV ist der tragische Tod eines Zugbegleiters in Rheinland-Pfalz erneut ein Anlass, im Austausch mit den von uns beauftragten Verkehrsunternehmen zu prüfen, wie die Sicherheit an Bord der Fahrzeuge erhöht werden kann", sagte die Sprecherin. "In diesem Zusammenhang warten wir nun aber zunächst die Ergebnisse des von DB-Chefin Evelyn Palla einberufenen Sicherheitsgipfels am Freitag ab." Die Bahn-Chefin hatte den Sicherheitsgipfel vergangene Woche als Reaktion auf den Angriff angekündigt.