Sie wohnen am letzten Kühlturm - Stoppen Schwalben AKW-Abriss in Biblis?
Über 400 Mehlschwalben-Familien haben ihre Nester direkt am letzten Kühlturm des Atomkraftwerk Biblis gebaut. Eine Tierschützerin warnt jetzt vor dem Abriss des Turms und mahnt, die getroffenen Ausgleichsmaßnahmen würden nicht ausreichen.
Bald ist das Atomkraftwerk Biblis im Kreis Bergstraße Geschichte. Wie ein Sprecher des Betreibers RWE auf Anfrage von HIT RADIO FFH mitteilte, werde der letzte verbleibende Kühlturm noch im Januar fallen. Die ersten beiden Türme waren im Februar 2023 abgerissen worden, der dritte vor Weihnachten vergangenen Jahres.
Tierschützer sehen über 400 Schwalbenfamilien bedroht
Gaby Weiß, die Ortsbeauftragte für Vogelschutz in Biblis, schlägt jetzt Alarm: 432 Mehlschwalben-Nester befinden sich am äußeren Rand des Kühlturms auf rund 80 Metern Höhe. Dabei handelt es sich wohl um die größte Mehlschwalben-Population Hessens. Weiß befürchtet, ein Abriss des Turms könnte das Aus für die Mehlschwalben-Familien bedeuten.
Am 15. Januar übergibt sie deswegen mit einem Bündnis aus mehreren Tierschutzorganisationen eine Petition an Landrat Christian Engelhardt, die auf den Schutz der Mehlschwalben am letzten Kühlturm des stillgelegten Atomkraftwerks aufmerksam machen soll.
Schwalben “absolut liebenswert”
Viele der gut 13 bis 16 Gramm schweren Tiere würden den bis zu 7.000 Kilometer langen Weg aus dem Überwinterungsgebiet in Afrika zurück nach Biblis ohnehin nicht überleben. Das führe zu einem stark sinkenden Mehlschwalben-Bestand, so Weiß.
RWE errichtet acht Schwalbentürme zum Ausgleich
Um die Mehlschwalben wisse auch AKW-Betreiber RWE, wie ein Sprecher auf Anfrage von HIT RADIO FFH schriftlich mitteilt. In Absprache mit der unteren Naturschutzbehörde des Kreises Bergstraße habe man deswegen für entsprechende Ausgleichsmaßnahmen gesorgt. Dabei handelt es sich um acht sogenannte “Schwalbentürme”. Die bis zu acht Meter hohen Türme sollen den Mehlschwalben ausreichend Nistmöglichkeiten bieten.
72 Meter Höhenunterschied zu AKW-Kühlturm
Laut Gaby Weiß können die Schwalbentürme den letzten Kühlturm als Zuhause für die Vögel nicht ersetzen. Das sei schon aufgrund der Höhe der Fall. Die Schwalbentürme sind rund 72 Meter niedriger als der Kühlturm. Außerdem seien sie zu nah am Geäst der umstehenden Bäume errichtet worden und böten zu geringen Schutz für den Mehlschwalben-Nachwuchs. Wie Gaby Weiß am FFH-Mikrofon sagte, könnten Fressfeinde Altvögel abfangen, die ihre Jungen im Schwalbenturm füttern wollen oder die Jungtiere direkt aus dem Nest ziehen.
Ersatz-Türme könnten lebensgefährlich sein
Probleme bringe laut Weiß auch die Sommersonne mit: Wenn die Tiere aus ihrem Überwinterungsquartier zurück sind, würden sich die Schwalbentürme so stark aufheizen, dass der Vogelnachwuchs herausspringe, bevor er fliegen kann. Das bedeute den sicheren Tod. Doch auch so weit müsse es erstmal kommen, sagt Weiß. Die Schwalben würden die Türme gar nicht erst annehmen, so die Tierschützerin.
Sie fordert RWE auf, an den bestehenden Gebäuden des Atomkraftwerks Nistmöglichkeiten zu schaffen, die zur richtigen Himmelsrichtung ausgerichtet sind, nicht dem direkten Sonneneinfall ausgesetzt sind und einen Schutz gegen Fressfeinde bieten.
RWE: “Alle Auflagen erfüllt”
Der Betreiber teilte mit, alle Auflagen der vom Kreis Bergstraße erteilten Baugenehmigungen für den Rückbau der Kühltürme der Blöcke A und B erfüllt zu haben. Neben den acht Schwalbentürmen, die seit 2023 von einem Artenschutzgutachter begleitet werden, habe RWE “auf freiwilliger Basis [...] dem NABU Kreis Bergstraße im Rahmen einer Kooperation 100 Schwalbenbretter und 200 Nisthilfen zum Anbringen in der Region zur Verfügung gestellt”, hieß es von einem Konzernsprecher.
Dass die Schwalbentürme bislang nicht angenommen worden sind, liege möglicherweise daran, dass die Vögel bislang noch den Kühlturm nutzen. Ein Gutachten habe gezeigt, dass nach Abriss des Kühlturms mit einem Einzug der Schwalben in die bis zu acht Meter hohen Türme zu rechnen sei, so der Sprecher. Weil man den Abbau des ehemaligen Kernkraftwerks weiter umsetze, halte man den Versuch, die Mehlschwalben an anderer Stelle der Rückbauanlage anzusiedeln, für nicht zielführend.
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